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medicine 2.0 – Gesundheitslexikon

Durchfall

Fachbegriff: Diarrhoe

Definiert ist Durchfall als Entleerung von mehr als drei breiigen oder flüssigen Stühlen pro Tag, in einer Gesamtmenge von über 3 dl. Er kann harmlos sein und nach ein bis zwei Tagen spontan verschwinden, den Erkrankten aber auch durch extremen Flüssigkeits- und Salzverlust in Lebensgefahr bringen.

Begriffserklärungen

Enteritis:

Entzündung des Dünndarms.

Enterokolitis:

Entzündung von Dünn- und Dickdarm.

Gastroenteritis:

Mitbeteiligung des Magens bei Enteritis oder Enterokolitis.

Kolon:

Dickdarm.

Diarrhoe, (Diarrhö):

Durchfall.

Kontamination:

Verunreinigung, Verseuchung. Adjektiv: kontaminiert.

Ursachen

Durchfall ist ein Symptom, dem unterschiedliche Entstehungsmechanismen und Krankheiten zugrunde liegen können. Gesteigerte Darmtätigkeit, vermehrte Flüssigkeitssekretion in den Darm oder verminderte Rückresorption (Wiederaufnahme) aus dem Darm sind direkte Auslöser.

  • Infektion: Akuter Durchfall ist meistens infektiös bedingt. Verschiedene Viren und Bakterien oder deren Toxine verursachen Magen-Darminfektionen, seltener Protozoen (Einzeller), Würmer oder Parasiten. In der Schweiz sind Salmonellen und Camplylobacter häufig Ursache von bakteriellen Infektionen.
    Die Ansteckung erfolgt über kontaminiertes Wasser, verdorbene Lebensmittel oder Schmierinfektion (verunreinigter Finger am oder im Mund). Das Spektrum der Krankheiten reicht von der leichten Reisediarrhoe bis zur bedrohlichen Cholera.
  • Funktionelle Störungen: Angst, Stress und Nervosität können mit übermässiger Darmtätigkeit einhergehen. In diesem Zusammenhang ist auch das Reizdarmsyndom zu erwähnen.
  • Allergie oder Intoleranz: Nahrungsmittel- und andere Allergien, Laktose- oder Fruktoseintoleranz.
  • Sprue, Zöliakie.
  • Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse.
  • Darmtumore: Häufig wechselt Durchfall ab mit Phasen von Verstopfung.
  • Chronische Entzündungen: Chronisch-entzündliche Darmkrankheiten (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa).
  • Hormonale Ursachen, Allgemeinerkrankungen: Schilddrüsen-Überfunktion, Nieren- oder Nebenniereninsuffizienz, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit); Sklerodermie, AIDS oder Immunsuppression im Zusammenhang mit Krebskrankheiten. Hormonbildende Tumore im Magen oder Dünndarm (neuroendokrine Tumore).
  • Medikamente: insbesondere Antibiotika und Missbrauch von Abführmitteln, auch von pflanzlichen.
  • Vergiftungen: Quecksilber, Arsen, andere Schwermetalle, Pilze.
  • Kurzdarmsyndrom: Durchfall nach operativer Entfernung von grösseren Teilen des Dünn- oder Dickdarms.

Das Krankheitsbild

Die breiigen oder flüssigen Stuhlentleerungen können akut auftreten und von Übelkeit, Erbrechen, Brechdurchfall, Bauchschmerzen oder -krämpfen begleitet sein. Bisweilen besteht ein auffällig übler Geruch. Infektiöse Durchfälle sind manchmal begleitet von Fieber, Erkältungszeichen und Gliederschmerzen. Blutauflagerungen oder -beimischungen werden gelegentlich bei infektiösen Durchfällen beobachtet, ebenso bei chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten oder Tumoren. Wenn der Zustand länger als drei Wochen andauert, handelt es sich um eine chronische Diarrhoe.
Bei Säuglingen und Kleinkindern kann der Flüssigkeitsverlust schon nach wenigen Stunden gefährlich werden, da ihr Organismus rascher austrocknet als bei Erwachsenen.

Komplikationen und Folgen

  • Akute Komplikationen sind in erster Linie auf den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust (Mineralstoffverlust) zurückzuführen; hauptsächlich in Entwicklungsländern kommt Mangelernährung erschwerend dazu. Flüssigkeits- und Elektrolytmangel können Blutdruckabfall, Kollaps, Kreislaufschock und Koma zur Folge haben.
  • Insbesondere bei Salmonelleninfektionen sind Leber- und Nierenentzündung oder Sepsis möglich, bei Amöbenbefall auch Darmverschluss und Abszesse in verschiedenen Organen.
  • Folge von chronischem Durchfall sind Abmagerung und Anämie (Blutarmut).

Was man selbst tun kann

Nach Infektionen sind Durchfall und Abneigung gegen Speisen zunächst normale Abwehrreaktionen des Organismus.

  • Zum Ausgleich des Flüssigkeit- und Mineralienverlusts sollte möglichst bald viel getrunken werden. Je nach Intensität von Durchfall und allfälligem Erbrechen ist ½ bis 1 dl pro Kilogramm Körpergewicht nötig. Der Ersatz der verlorenen Flüssigkeit sollte möglichst innerhalb 4 Stunden, sicher innerhalb 12 Stunden erfolgen. Geeignet sind das schluckweise Einnehmen von ungesüsstem oder ganz leicht gesüsstem Tee, von Mineralwasser mit wenig Kohlensäure, von stark verdünnten Fruchtsäften oder elektrolythaltigen Getränken und gut gesalzener Bouillon. Kinder sollten keine Süssgetränke erhalten und auch keine isotonen Flüssigkeiten (Sportlergetränke), da erstere zu viel Zucker, die anderen zu wenig Salze enthalten. Kleinkindern wird die Flüssigkeit löffelweise gegeben.
    Fertige Beutelpackungen mit Mineralsalzen, die den Salzverlust gemäss WHO-Empfehlungen ersetzen, sind in Apotheken erhältlich. Der Inhalt wird in Wasser gelöst. Es gibt spezielle Mischungen für Säuglinge und Kleinkinder.
  • Mit dem Nahrungsaufbau können Erwachsene und Kinder beginnen, wenn Flüssigkeit nicht mehr erbrochen wird. Am besten reizarme Nahrungsmittel, grundsätzlich eine kohlehydratreiche, aber fettreduzierte und eiweissarme Kost. Auf Milchprodukte (ausser Joghurt), stark gewürzte Speisen und Kaffee sollte man in den ersten drei Tagen verzichten.
    Für Erwachsene und Kinder geeignete Nahrungsmittel: Geriebene Äpfel, mit Wasser hergestellter Kartoffelbrei, schaumig geschlagene Banane oder Schleimsuppe, Zwieback; Karotten (Rüebli) kochen, passieren oder mixen, mit Bouillon zusammen eine Suppe kochen und löffelweise langsam essen; Kakao mit Wasser anrühren und trinken.
    Säuglinge auch während des Flüssigkeitsersatzes möglichst weiter stillen.
  • Bei Darminfektionen ist eine korrekte Händehygiene unerlässlich; je nach Erreger werden vom Arzt oder von den Gesundheitsbehörden weitere Massnahmen festgelegt. 
  • Medikamente gegen Erbrechen und Durchfall können bei Kindern unangenehme, teils sogar schwerwiegende Nebenwirkungen haben. Man verzichtet deshalb besser auf diese Arzneimittel.
    Medizinalkohle in Form von Tabletten oder Granulat bindet Ausscheidungsprodukte von Bakterien und hat eine eindickende Wirkung, ersetzt aber nicht den Arztbesuch, wenn sich nach drei Tagen keine Besserung zeigt.

Wenn mit einem infektiösen Durchfall zu rechnen ist, etwa nach Schlucken von Wasser in einem fragwürdigen Schwimmbecken, nach Einnahme von verdorbenen Speisen oder offenen Milchprodukten unter zweifelhaften Hygieneverhältnissen, sollte ein Durchfall anfangs nicht mit Medikamenten behandelt werden, welche die Darmtätigkeit herabsetzen (z.B. opiumhaltige Präparate). Im Sinn der Selbstreinigung scheidet der Darm nämlich mit den Stuhlentleerungen auch Erreger und deren Gifte aus. Wenn hingegen die Entleerung medikamentös verhindert wird, nimmt der Körper die Bakterien oder deren Toxine in die Blutbahn auf.

Hausmittel

  • Bei Durchfall: In einem Liter Wasser ¾ Teelöffel Kochsalz (ca. 3,5 Gramm), 4 gestrichene Teelöffel Zucker (ca. 20 Gramm) und eine Messerspitze Natriumbikarbonat (Natron) durch Rühren auflösen, vor dem Trinken eine Tasse Orangensaft oder 1 zerdrückte Banane zugeben. Wenn nötig (s. unten bei „Reisen in tropische … oder Entwicklungsländer“) muss abgekochtes Wasser verwendet werden.
  • Bei Bauchschmerzen: Lauwarme Kamillen- oder Essigwasserumschläge; ein Frotteetuch umbinden (Abbildung).
Wickel

Wann braucht es den Arzt

Bei jüngeren und sonst gesunden Erwachsenen sind ein oder zwei Tage Durchfall kaum lebensbedrohend. Eine ärztliche Behandlung ist in der Regel nicht nötig, insbesondere wenn Fieber, Blut- oder Schleimbeimengungen zum Stuhl, Erbrechen und Koliken fehlen.

Ältere und geschwächte Personen, Säuglinge und Kleinkinder können durch eine Darminfektion jedoch in Lebensgefahr geraten. Lang anhaltende oder wiederholt auftretende Durchfälle sind auch bei Erwachsenen ein Grund für einen Arztbesuch. Eine rasche Konsultation ist nötig, wenn der Durchfall bis drei Wochen nach Tropenaufenthalt auftritt.

In folgenden Situationen handelt es sich um einen Notfall:

  • Blut oder Eiter im oder auf dem Stuhl.
  • Zeichen von Dehydratation (Austrocknung): Trockene Schleimhäute, verminderte Urinausscheidung, beschleunigter Puls und beschleunigte Atmung, Schwindel, langsam verstreichende Hautfalte, eingefallene oder eingesunkene Fontanelle bei Säuglingen. Hautfalte: Man hebt etwas Haut an – bei Säuglingen am besten am Bauch – lässt sie los und beobachtet wie schnell sich die Haut wieder glättet.
  • Durchfallerkrankung mit Fieber: immer bei Säuglingen, die jünger sind als 2 Monate, bei Kindern zwischen 3 Monaten und 3 Jahren, wenn das Fieber über 39 Grad steigt.
  • Auftreten von Muskelkrämpfen, Verwirrtheit, Schläfrigkeit oder Kreislaufproblemen.
  • Nach Tropenaufenthalt in einem Endemie- oder Epidemiegebiet gefährlicher Krankheiten wie Cholera, Typhus, virales hämorrhagisches Fieber und andere.

Kleinkinder geraten bei heftigem Durchfall und Erbrechen schon nach einigen Stunden in Lebensgefahr, denn sie haben geringere Flüssigkeitsreserven als Erwachsene und bedürfen daher früh ärztlicher Hilfe. Kleinkinder, die weniger als 2 Monate alt sind, werden dann gewöhnlich im Spital behandelt.

Untersuchung

Zur Diagnose reichen oft Blut- und allenfalls Stuhluntersuchungen, bei chronischer Diarrhoe oder Verdacht auf Tumor sind aufwändigere Abklärungen nötig, auch Koloskopie und bildgebende Verfahren (verschiedene Röntgenmethoden).

Therapie

Auf Antibiotika kann meist verzichtet werden, da mit dem Durchfall auch die Bakterien ausgeschieden werden. Diese Medikamente sind hingegen nötig, wenn Durchfallerkrankungen mit Komplikationen einhergehen, sowie bei Typhus und Cholera.
Bei Verdacht auf Infektion mit Salmonellen wird nach den Stuhluntersuchungen entschieden, ob und wie lange Vorsichtsmassnahmen nötig sind, um die Ansteckung anderer Personen zu verhindern. Ein Beispiel: an Salmonellen Erkrankte scheiden im Mittel während fünf Wochen Erreger aus. Solche Personen dürfen nicht in Lebensmittelbetrieben arbeiten.
Heftige, anhaltende Durchfälle – insbesondere wenn sie mit Erbrechen einhergehen – erfordern Infusionen, gegebenenfalls auch Antibiotika.

Vorbeugen

  • Das Verfalldatum von Lebensmitteln beachten und Speisen grundsätzlich nicht lange aufbewahren, wenn sie sich nicht tiefgefrieren lassen. Besonders Mayonnaise, Tiramisu und andere Ei enthaltende Produkte werden rasch von Bakterien besiedelt und verderben ungekühlt in kurzer Zeit. Keine verschimmelten oder angefaulten Lebensmittel essen. Keine ungewohnt riechenden oder schmeckenden Getränke und Nahrungsmittel zu sich nehmen.
  • Fleisch und Wurstwaren möglichst bald nach dem Einkauf kühl stellen. Fleisch genügend heiss braten, allfällige Reste schnell kühlen und zum Wiedererhitzen ausreichend hohe Temperaturen verwenden. Auch im Mikrowellenofen sollte insbesondere für Fleisch eine Temperatur von 70 Grad erreicht werden und es ist darauf zu achten, dass man die Speisen dabei durch und durch erhitzt.
  • Grundsätzlich ist Vorsicht beim Aufwärmen von Mahlzeiten angebracht; im Zweifelsfall besser nicht mehr konsumieren.
  • Gemüse und Salate gut waschen.
  • Besonders gut auf Hygiene achten, wenn Personen im gleichen Haushalt an Gastroenteritis erkrankt sind. Gründliches Händewaschen ist dann unverzichtbar Für manche Magen-Darm-Infektionen gibt es spezielle Bestimmungen. Über diese informiert der behandelnde Arzt.
    Küchen- und andere Tücher häufig wechseln und mit der Kochwäsche reinigen.
  • Reisen in tropische und subtropische Gebiete oder Entwicklungsländer:
    • Eine Impfung gegen Durchfallerkrankungen wie Typhus und Cholera ist zu erwägen. Der Schutz nach einer Impfung gegen Typhus ist jedoch nicht in jedem Fall sicher, weshalb zusätzlich Hygienemassnahmen nötig sind.
    • Nur gekochte Speisen essen, Obst nur, wenn es sich schälen lässt. Auf Salat, Mayonnaise und andere ohne Kochen zubereitete oder länger gelagerte Gerichte verzichten, ebenso auf Leitungswasser, Eiswürfel in Getränken und offen angebotenes Speiseeis. Ist das Verwenden von Leitungswasser unverzichtbar, muss es vor dem Genuss 15 Minuten lang abgekocht werden. Fischspeisen und Meeresfrüchte sind „mit Vorsicht zu geniessen“, insbesondere wenn die Produkte nicht fangfrisch zubereitet werden.
    • Zähneputzen: am besten mit Mineralwasser aus der Flasche.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 02.08.2018

 
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