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Alkoholmissbrauch, Alkoholismus

Auf ein Zuviel an Alkohol beziehen sich verschiedene Ausdrücke, die zum Teil gleichbedeutend verwendet werden.
Alkoholmissbrauch kann als Überbegriff gelten. Alkoholismus entspricht eher dem chronischen Zustand der Abhängigkeit, die begleitet ist von körperlichen, sozialen und psychischen Folgen. Als Alkoholexzess wird ein einmaliger oder sporadisch wiederholter, übermässiger Konsum verstanden, der unmittelbare Folgen hat, die vom Rauschzustand bis zum Koma oder zur akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse reichen.

Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper an den Alkohol. Im sog. Toleranzstadium erträgt der Betroffene mehr, ohne offensichtlich betrunken zu wirken und oft wird die Trinkmenge dann weiter erhöht. Später folgt eine psychische Abhängigkeit, dem Bedürfnis nach Alkohol kann nicht mehr widerstanden werden. Typisch in dieser Phase ist die „Dissimulation“, das heisst das Bagatellisieren mit teilweise erhaltener Einsicht in die Schädlichkeit des Tuns und schlechtem Gewissen. Das Denken kreist immer mehr um das Beschaffen der „täglichen Ration“, während gleichzeitig das Trinken verheimlicht wird. Bei Ausbleiben der gewohnten Zufuhr können psychische und körperliche Entzugssymptome auftreten, von Zittern und Nervosität bis zum lebensgefährlichen Delirium tremens (alkoholisches Delirium).

In der Schweiz sind ca. 300 000 Personen alkoholabhängig, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Im Jahr 2010 wurden 1440 Jugendliche stationär im Spital aufgrund einer Alkoholvergiftung oder Alkoholabhängigkeit behandelt, dies sind 28 Personen pro Woche.
Alkohol gehört in der Schweiz und in anderen Industriestaaten zu den 5 wichtigsten Krankheitsfaktoren. Jährlich sterben in der Schweiz 2000 Personen an den Folgen von Alkohol. Ein problematischer Alkoholmissbrauch geht oft auch mit häuslicher Gewalt einher. Eine von zwei Frauen, die sich wegen häuslicher Gewalt in einem Frauenhaus gemeldet haben, lebt in einer Beziehung, in welcher der Partner einen problematischen Alkoholkonsum aufweist.

Ursachen und Risikofaktoren

Es gibt viele Gründe, die dazu führen, dass jemand Alkoholiker wird. Das gesellschaftliche Umfeld – unabhängig von der sozialen Schicht – eines Menschen sowie individuelle und kulturelle Einflüsse spielen eine bedeutende Rolle. Einige Studien haben gezeigt, dass für das Entstehen von Alkoholismus in einem Teil der Fälle genetische Faktoren mitverantwortlich zu machen sind. Generell sind trinkfeste Menschen mehr gefährdet.
Typische Gründe für Alkoholmissbrauch sind:

  • Konflikt- und Erleichterungstrinken, abhängig von Persönlichkeitsstruktur und äusseren Einflüssen. Stress, Konflikte und andere Probleme werden mit Hilfe von Alkohol verdrängt und man findet Erleichterung in der berauschenden Euphorie.
  • Wohlstandsalkoholismus hat seine Wurzeln vielfach im geselligen Leben auf Partys und Banketten, so dass schliesslich „ohne Stoff nichts mehr läuft“.
  • Gruppendruck ist bei Jugendlichen oft der Anlass.
  • Quartalstrinker feiern sporadische Trinkexzesse, sie können zwischendurch unauffällig und „trocken“ sein.
  • Der Teufelskreis des Verelendungsalkoholismus ist heute seltener zu beobachten.

Symptome und Folgen

Alkoholexzess

Die Zeichen eines Rausches sind allgemein bekannt und können nach Ausnüchterung folgenlos abklingen. Sie werden daher nur in Stichworten erwähnt und nachfolgend mit dem Promillegehalt Alkohol im Blut in Bezug gesetzt. Im Einzelnen hängen die Symptome stark von Alter, Gewöhnungsgrad und Geschlecht ab, so dass die angegebenen Zahlen auf klinischer Erfahrung beruhen. Sie stellen keine definierten Grenzwerte dar, sondern sind mit einer Streubreite von plus/minus einem halben Promille (0,5‰) zu verstehen.

  • 0,1 bis 0,3 Promille: es überwiegt die euphorisierende (stimmungshebende) Wirkung.
  • 0,5 Promille: Verlangsamung der Reaktionsfähigkeit und der Konzentration. Ab diesem Grenzwert ist das Führen von Motorfahrzeugen in der Schweiz nicht mehr gestattet.
  • Ab 0,8 Promille: Gleichgewichtsstörungen, Gangunsicherheit, Doppelbilder (Schielen), Einschränkung des Gesichtsfelds (Tunnelblick).
  • Ab 1,0 Promille: Zunehmende mentale und körperliche Enthemmung: „In vino veritas“ („Die Wahrheit liegt im Wein“) besagt, dass ausgesprochen wird, was besser nicht gesagt würde, und dass sich latente Aggressivität leichter demaskiert. Daneben machen sich Koordinationsschwierigkeiten bemerkbar.
  • Ab 1,5 Promille: Verwaschene Sprache, Lallen, Sturzgefahr, evtl. Erbrechen. Der Rauschzustand ist spätestens jetzt für alle erkennbar.
  • Ab 2,5 Promille: Lähmungserscheinungen, es kann bereits Lebensgefahr bestehen, ab 3,0 Promille ist mit Bewusstseinsverlust bis zum Koma zu rechnen. Es drohen Atemlähmung, akutes Leber- oder Herzversagen.

Folgen nach einem Exzess

Die Vergiftung durch eine Überdosis hat Auswirkungen auf verschiedene Organe:

Ausnüchterung

Pro Stunde vermag der gesunde Körper etwa 0,1 Promille Alkohol abzubauen und auszuscheiden, und zwar unabhängig davon, ob Nahrung aufgenommen, geschlafen oder gewacht wird. Es gibt keine Medikamente oder sonstige Verfahren, die das Ausscheiden beschleunigen, auch nicht Kaffee.
Legt man sich mitternächtlich mit 1,0 Promille ins Bett, beträgt der Alkoholspiegel morgens um 7 Uhr, wenn der Wecker dröhnt, immer noch ca. 0,3 Promille. Das Kopfweh klingt nach, Übelkeit ist Folge einer Reizung des Brechzentrums im Hirnstamm und der Magenschleimhaut, ein Druck in der Lebergegend geht auf eine akute Entzündung dieses Organs zurück und kann weiter anhalten, auch wenn im Laufe des Tages kein Alkohol mehr im Blut nachweisbar ist.

Folgen des Alkoholismus

Auch bei wiederholter aber mässiger Aufnahme wirkt Alkohol giftig auf Zellen. Allgemein gültige Voraussagen darüber, wann sich alkoholbedingte Schädigungen bemerkbar machen, sind aber nicht möglich. Wo die Gefahrenzone hinsichtlich Leberzirrhose und anderen Folgen beginnt wird unterschiedlich angegeben. Als Anhaltspunkte können gelten: für Frauen mehr als 20 Gramm Alkohol pro Tag, für Männer mehr als 30 Gramm Pro Tag. 30 Gramm Alkohol sind in 0,75 Liter Bier, 0,37 Liter Wein und Sekt oder 0,15 Liter Wodka/Whisky enthalten. Aber nicht nur die Menge ist ausschlaggebend, sondern auch die Dauer des Missbrauchs und die individuelle Empfindlichkeit. Die Folgen im Einzelnen:

  • Zittern der Finger (Tremor), gelegentlich auch der Hände.
  • Unerwünschte Kalorienzufuhr, Gewichtszunahme beim Wohlstandsalkoholismus. 1 dl Bier enthält 45 bis 80 kcal, Wein 65 bis 90 kcal.
  • Fettleber, Leberentzündung (Hepatitis) und -zirrhose; chronische Entzündungen von Bauchspeicheldrüse, Magenschleimhaut und Speiseröhre. Gewichtsverlust wegen ungenügender Nahrungsaufnahme beim schwer Süchtigen.
  • Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz und andere Herzkrankheiten, Bluthochdruck.
  • Einfluss auf den Fettstoffwechsel: Zunahme der Blutfette.
  • Abwehrschwäche, Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten.
  • Libidoverlust und Impotenz.
  • Zentrales Nervensystem: Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen, Ängste, Demenz usw.
  • Ausfälle im peripheren Nervensystem (Neuropathie) machen sich spürbar als Kribbeln, Taubheitsgefühl, vorzugsweise an den Füssen, manchmal kombiniert mit einer gesteigerten Empfindlichkeit auf Berührung. Muskelschmerzen und -krämpfe können auftreten.
  • Krebserkrankungen: Ob Speiseröhren-, Kehlkopf-, Rachen-, Brust- und Darmkrebs in direktem Zusammenhang mit Alkoholismus stehen, wird kontrovers beurteilt. Immerhin ist die direkte Einwirkung von hochprozentigem Alkohol auf die Schleimhäute von Speiseröhre und Magen ein Entzündungsfaktor, der bei langer Einwirkung eine plausible Erklärung für krebsige Entartung bietet.
  • Schädigung des Embryos: Alkoholembryopathie, also Entwicklungsstörungen des Fetus.
  • Vernachlässigung und Mangelernährung (Vitaminmangel) im Rahmen des Verelendungsalkoholismus sind heute seltener.

Entzugssymptome

Bei länger andauerndem Alkoholmissbrauch machen sich Entzugserscheinungen bisweilen nicht erst beim Weglassen, sondern bereits bei der Reduktion der Alkoholmenge bemerkbar. Entzugssymptome sind:

  • Unruhe, Ängstlichkeit, Schlafstörungen und Depression.
  • Zittern der Finger (Tremor), gelegentlich auch der Hände.
  • Appetitverlust und Übelkeit.
  • Schwitzen trotz Kältegefühl an Händen und Füssen, Herzrasen.
  • Bewusstseinstrübung, Wahnvorstellungen, Delirium. Das Delirum, ein psychischer und motorischer Erregungszustand, ist lebensgefährlich. Es tritt typischerweise erst zwei bis vier Tage nach Beginn des Entzugs auf und ist von Halluzinationen und Angstzuständen begleitet.

Was man selbst tun kann

Woran erkennt man Alkoholismus in seinem Umfeld – oder an sich selbst?

Alkoholabhängigkeit bedeutet nicht nur, dass sich jemand gezwungen sieht, Alkohol zu konsumieren, oder dass sich Entzugssymptome bemerkbar machen. Anzeichen einer Abhängigkeit können ausserdem sein:

  • Toleranzentwicklung, das heisst die Menge Alkohol, die ohne spürbare Wirkung ertragen wird, nimmt zu.
  • Versuche, den Alkoholkonsum zu verringern, scheitern wiederholt. Die Kontrollfähigkeit hinsichtlich Menge und Beginn des Konsums nimmt ab. Auch am Arbeitsplatz wird getrunken.
  • Es werden Zeit und Energie aufgewendet, um sich Alkohol zu beschaffen und gleichzeitig, um das Problem zu vertuschen. Flaschen werden versteckt, der Alkoholkranke ist bestrebt, sich einen heimlichen Vorrat zu halten.
  • Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte gehen verloren. Das Umfeld tuschelt über den erkannten Alkoholkranken und beginnt ihn zu meiden.

Die einzige Möglichkeit, der Alkoholkrankheit Einhalt zu gebieten und bereits eingetretene Schäden teilweise wieder rückgängig zu machen, ist völlige Abstinenz – wie bei Drogenkonsum.
Wenn ein Angehöriger betroffen ist, sollte man dessen Suchtverhalten keinesfalls tolerieren, auch dann nicht, wenn man aus familiären oder existentiellen Gründen zunächst mithelfen muss, das Alkoholproblem nach aussen zu verschleiern. Da es meist nicht einfach ist, jemanden überhaupt für einen Entzug zu motivieren, empfiehlt sich professionelle Hilfe.

Alkohol und Medikamente

Alkoholgenuss verbunden mit dauernder oder vorübergehender Einnahme von Medikamenten kann problematisch sein. Man muss sich informieren, ob und welche Wechselwirkungen (Interaktionen) aus dieser Kombination möglich sind. Beispiele:

  • Verstärkte Wirkung von Beruhigungs-, Schlaf- oder Betäubungsmitteln, blutdruck- oder blutzuckersenkenden Medikamenten.
  • Vermehrte Reizung von Magen oder Darmschleimhaut durch Rheuma- oder Schmerzmittel und Eisenpräparate. Magenblutungen können auftreten, wobei die Gefahr besonders dann erhöht ist, wenn gleichzeitig Antikoagulantien („Blutverdünner“) eingenommen werden müssen.
  • Herabgesetzte Wirkung folgender Medikamente ist möglich in Zusammenhang mit chronischem Alkoholgenuss: Schlaf-, Beruhigungs- und blutzuckersenkende Mittel, Antikoagulantien („Blutverdünner“).

Wann braucht es den Arzt

Es gibt viele Hilfsangebote, über die der Arzt oder Beratungsstellen informieren. Gleichzeitig mit einem medikamentös unterstützten Alkoholentzug erfolgt eine Therapie, die psychische und soziale Aspekte mit einbezieht.

Vorbeugen

  • Nicht regelmässig und nicht wegen Problemen zum Glas greifen.
  • Versuchen, eine „Alkoholpause“ einzulegen und beobachten, was passiert.
  • Nicht aus Gewohnheit zu bestimmten Anlässen trinken, beispielsweise beim Fernsehen oder vor dem Schlafengehen.
  • Niemanden zum Alkoholtrinken drängen, Gästen auch Mineralwasser oder Fruchtsäfte anbieten.

 

Weiterführende Informationen und Adressen

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler, Dr. med. H. Ganguillet
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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