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Erhöhte Blutungsneigung

Fachbegriff: Hämorrhagische Diathese

Die Begriffe beziehen sich auf eine abnorme Blutungsbereitschaft. Betroffene Menschen bluten schon nach geringer Verletzung häufiger und länger als gewohnt, oder es kommt spontan zu Blutungen unter die Haut, in die Harnwege oder andere innere Organe. Nach Operationen oder Zahneingriffen besteht ein erhöhtes Risiko für Nachblutungen. Ursache aller dieser Erscheinungen ist eine Störung im Ablauf der Blutgerinnung, so dass ein beschädigtes Gefäss nicht in nützlicher Frist abgedichtet wird und die Blutung stoppt.

Die Blutgerinnung

Nur wenn das in den Arterien und Venen zirkulierende Blut flüssig bleibt, kann es seine Aufgabe erfüllen, nämlich das Versorgen der Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen. Entsteht ein Leck in einem Blutgefäss, versucht der Organismus, den Blutverlust möglichst einzudämmen, indem ein wenig Blut am Ort der Verletzung eindickt (gerinnt) und damit das Leck abdichtet. Bei Eröffnung einer grösseren Arterie sind diesem natürlichen Vorgang Grenzen gesetzt; es braucht hier einen Verband oder eine Naht.

Kleine Wunden wie ein Schnitt oder eine Schürfung hören nach wenigen Minuten spontan auf zu bluten. Damit dies geschehen kann, greifen Systeme ineinander, die auf verschiedenen Ebenen vorbereitet sind.

  • Gerinnungseiweisse oder Gerinnungsfaktoren im Plasma (Blutflüssigkeit). Sie aktivieren sich in einer festgelegten Reihenfolge und bilden zuletzt eine Art „Filz“ von geronnenen Proteinen.
  • Zellen im zirkulierenden Blut, die Blutplättchen oder Thrombozyten. Sie verkleben am Ort einer Verletzung und aktivieren ihrerseits die Gerinnungseiweisse, so dass sich ein kleiner, abdichtender Pfropf bildet.
  • Die Gefässwand, insbesondere von kleinen und feinsten Arterien, reagiert auf eine Verletzung mit sofortigem Zusammenziehen, was den Blutverlust eindämmt.

Ursachen von erhöhter Blutungsneigung

Durch Defekt oder Ausfall eines der oben angeführten Systeme allein oder in Kombination mit anderen ist die Gerinnung verzögert (Koagulopathie, hämorrhagische Diathese). Entsprechend lassen sich die Gerinnungsstörungen nach ihren überwiegenden Ursachen einteilen:

Gerinnungsfaktoren oder Gerinnungseiweisse

Bestimmte Gerinnungsfaktoren fehlen im Plasma, sind nicht in genügender Menge vorhanden oder nicht ausreichend reaktionsfähig.

  • Genetisch bedingt und rezessiv vererblich sind verschiedene Typen von Hämophilie. Fast nur das männliche Geschlecht ist betroffen, weil sich das Gen auf einem Geschlechtschromosom befindet. Gelegentlich sind immunologische Vorgänge Auslöser einer Hämophilie.
    Auch das von Willebrand-Jürgens-Syndrom ist eine vererbte oder seltener durch immunologische Vorgänge entstandene Gerinnungsstörung.
  • Im Laufe des Lebens kann ein Mangel an wirksamen Gerinnungsfaktoren entstehen durch akute oder chronische Lebererkrankungen, auch Leberzirrhose.

Thrombozyten

Es entstehen zu wenige Blutplättchen, sie werden vermehrt verbraucht oder sie sind nicht genügend funktionsfähig (Qualitätseinbusse). Dadurch besteht eine erhöhte Blutungsbereitschaft.

  • Ihre zahlenmässig zu geringe Entstehung kann angeboren sein oder durch Tumorerkrankungen (Leukämie, bösartige Lymphome), Chemotherapie, Viren oder bestimmte Giftstoffe hervorgerufen werden.
  • Vermehrt verbraucht, abgebaut oder zerstört werden Blutplättchen durch immunologische Vorgänge, gelegentlich durch Infektionen, bei Thrombosen, Milzvergrösserung und anderen Erkrankungen.
  • Funktionseinbusse („Thrombozytopathie“). Die Thrombozyten selber sind schadhaft durch schwere Allgemeinerkrankungen, wie Nierenversagen oder Krebserkrankungen, selten als angeborene Funktionsstörung.
    Auch auf dieser Ebene ist ein medikamentöser Eingriff möglich. Das Entstehen thrombotischer Verschlüsse vor allem in Arterien lässt sich herabsetzen, indem die Verklebungsfähigkeit dieser Blutzellen vermindert wird, wiederum mit dem kalkulierten Risiko erhöhter Blutungsbereitschaft.
    Die Schädigung von Thrombozyten durch eine Reihe anderer Medikamente, wie einige Schmerzmittel, Rheumamittel und Antibiotika, ist dagegen eine unerwünschte Nebenwirkung.

Gefässwand

Abnorme Durchlässigkeit, erhöhte Verletzlichkeit oder entzündliche Gefässwanderkrankungen können genetisch bedingt sein; sie führen zu kleinflächigen oder sogar nur punktförmigen Blutungen in die Haut. Die dünne Haut alter Menschen mit aus geringfügigem Anlass entstehenden blauvioletten Flecken ist ein Beispiel. Andere angeborene oder erworbene Gefässwandveränderungen sind selten.

Das Krankheitsbild

Je nach Ursache entstehen verschiedene Blutungsformen, die teils spontan, ohne erkennbare Ursache auftreten. Aus dem Aspekt der Blutung lässt sich nur bedingt auf deren Ursache schliessen.

  • Kleine „scharfe“ Verletzungen, etwa Schnitte oder Stichverletzungen, bluten ungewöhnlich stark und lang oder nach kurzer Zeit erneut.
  • Anhaltendes Nasenbluten, Nachblutung nach Zahnarztbehandlung oder Operationen.
  • Stumpfe Verletzungen, wie eine Prellung oder Verstauchung, bewirken Blutaustritt, in die Muskulatur und unter die Haut. Im Gewebe können Höhlen entstehen, die mit flüssigem Blut gefüllt sind. Blutungen in innere Organe, spontan oder nach Verletzung, sind schwerer zu erkennen und können deshalb lebensgefährliche Ausmasse annehmen.
  • Punktförmige Hautblutungen deuten auf eine Störung im Bereich der feinsten Gefässe (Blutkapillaren) oder der Blutplättchen (Thrombozyten) hin, flächige Blutungen eher auf Defekte von Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten.
    Bei älteren Menschen ist zusätzlich zur erhöhten Verletzlichkeit der Gefässwand die Haut dünner. Es kann vor allem an exponierten Stellen (Hände, Vorderarm und Unterschenkel) zu kleinen Hautblutungen kommen, die wieder verschwinden aber dunkler gefärbte Stellen hinterlassen.

Was man selbst tun kann

Auf die Ursachen kann man kaum selbst Einfluss nehmen. Ist eine Gerinnungsstörung nachgewiesen, gilt es Situationen mit Verletzungspotential möglichst zu meiden. Der Zahnarzt muss informiert sein, wenn eine verstärkte Blutungsneigung besteht.
Wer antikoaguliert ist, sollte beim Auftreten von wiederholten oder unerklärlichen Blutungen die Einnahme des Präparates stoppen und sogleich den Arzt aufsuchen. Die Antikoagulation könnte zu massiv ausgefallen sein. Gegebenenfalls muss man an eine Nebenwirkung von anderen Medikamenten denken und diese absetzen.

Personen mit Gerinnungsstörung und solche, die mit Antikoagulantien („Blutverdünner“) behandelt sind, sollten keine Medikamente einnehmen, welche die Blutgerinnung zusätzlich beeinträchtigen.

Wann braucht es den Arzt

Der Verdacht auf erhöhte Blutungsneigung ist abklärungsbedürftig. Auch hinter harmlos erscheinenden Blutungen in die Haut kann eine ernsthafte Ursache stecken.
Merkpunkte für den Arztbesuch sind:

  • Häufiges und schnelleres Auftreten von Blutergüssen als früher.
  • Plötzliches, unerklärliches Entstehen von punktförmigen, roten Blutungen (Grösse eines Stecknadelkopfes) in der Haut.
  • Wenn eine Haut- oder Schleimhautblutung ungewöhnlich lange andauert (mehr als 30 Min.) oder immer wieder erneut auftritt.
  • Plötzliche, unerklärbare Blutungen bei Einnahme von Antikoagulantien („Blutverdünner“).
  • Blutungen aus Darm, Harn- oder Atemwegen (Bluthusten).

Therapie

Manchmal besteht eine erhöhte Blutungsneigung lediglich vorübergehend und bedarf „nur“ einer besonderen Achtsamkeit vor Verletzungen.
Die genetisch oder durch Krankheit bedingte hämorrhagische Diathese lässt sich mit Präparaten behandeln. Dabei werden fehlende Eiweisse, Faktoren oder Zellen zugeführt oder in ihrer Funktion stabilisiert.

Beruht die Blutungstendenz auf Medikamenteneinnahme, zum Beispiel Antikoagulation, wird das Arzneimittel rechtzeitig vor einer allfälligen Operation abgesetzt und erst danach wieder gegeben.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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