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Fazialislähmung

Fachbegriff: Fazialisparese

Die so genannte zentrale Fazialislähmung hat ihren Ursprung im Gehirn, die periphere Lähmung geht auf eine Schädigung im Verlauf des Nervs nach dem Austritt aus dem Hirnstamm zurück. Die in der Folge entstehenden Lähmungen der Gesichtsmuskulatur sind meist leicht erkennbar.
In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um eine so genannte periphere idiopathische Fazialisparese, das heisst es lässt sich keine Ursache für die Funktionsausfälle des Nervs finden. Die Häufigkeit wird angegeben mit 2 bis 3 Fälle auf 10‘000 Menschen pro Jahr.

Anatomie

Der Fazialisnerv versorgt mit seinen Impulsen die mimische Muskulatur des Gesichts. Er steuert also jene Muskeln, die den Gesichtsausdruck mitgestalten und gewährleistet das Schliessen der Augen, das Runzeln der Stirne, Lachen, Pfeifen und vieles mehr.

Ursachen

Die Lähmung vom peripheren Typ

  • Unbekannte Ursache: Die idiopathische Fazialisparese (Bell’sche Lähmung) ist eine überraschend auftretende periphere Lähmung ohne eindeutige erkennbare Ursache. Oft entsteht sie im Anschluss an eine Erkältung (grippalen Infekt) und wird dann mit dieser in Zusammenhang gebracht. Eine Erklärung ist dann, dass die Lähmung zustande kommt, wenn der Nerv durch eine Entzündung anschwillt und in seinem Austrittskanal durch den Schädelknochen eingeengt wird.
  • Mechanische oder neurologische Ursachen, Infektion
    • Mechanische Schädigung entsteht bei Kompression (Quetschung) des Nervs im Bereich der Schädelbasis durch Tumore und bei Knochenbrüchen der Schädelbasis, vor allem des Felsenbeins (traumatische Fazialisparese).
      Die Fazialislähmung bei Neugeborenen wird überwiegend durch Druck auf den Nerv während der letzten Schwangerschaftstage oder der Geburt verursacht. Sie bildet sich innerhalb einiger Tage zurück, doch vergehen bis zur vollständigen Heilung meist Wochen bis Monate.
    • Infektionen: Lokale Infektionen im Gehörgang oder im Bereich des Ohrs können den Nerv unmittelbar schädigen. Häufige Ursache ist die chronische Mittelohrentzündung (Otitis media).
      Weitere Infektionen, die bisweilen auch eine beidseitige Fazialislähmung zur Folge haben sind: Herpes zoster und andere Infektionen mit Viren der Herpesgruppe, Poliomyelitis, Lyme-Borreliose, FSME, Syphilis (genauer: Neurosyphilis), HIV, Tuberkulose und andere.
    • Neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose, Parkinson und andere. Auch sie gehen gelegentlich mit einer beidseitigen oder mit einer wechselseitigen Fazialisparese einher.
    • Ärztliche Eingriffe: Ein kleines Risiko ist verbunden mit Spritzen (Leitungsanästhesie) beim Zahnarzt sowie Eingriffen im Bereich des Ohrs und der seitlichen Schädelbasis.

Die Zentrale Fazialislähmung

Sie entsteht überwiegend aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn, seltener durch Tumore. Häufigste Ursachen sind demnach Hirnschlag oder Schädel-Hirnverletzung mit Blutung ins Schädelinnere, weitere sind Multiple Sklerose und Aneurysmen.

Das Krankheitsbild

Die Lähmung vom peripheren Typ

Sie ist üblicherweise einseitig, zeigt sich als Schwäche, als inkomplette oder vollständige Lähmung und befällt meist eine ganze Gesichtshälfte von der Stirn bis zum Kinn. Wenn lediglich eine Schwäche der Nervenfunktion vorliegt, sind die Symptome wenig ausgeprägt, gelegentlich auch so diskret, dass man sie kaum wahrnimmt.

  • Bisweilen kündigt sich die Lähmung durch wenige Tage dauernde Schmerzen hinter einem Ohr oder in der Wange oder durch Nackensteife an. Die Lähmung tritt dann rasch auf – innerhalb weniger Stunden, oder die Kranken werden morgens beim Aufwachen davon überrascht.
  • Der Gesichtsausdruck ist charakterisiert durch einseitig fehlende Mimik und wirkt daher maskenhaft. Die Haut der Stirn ist glatt, sie kann nicht mehr gerunzelt und das Auge nicht mehr geschlossen werden. Der Lidschlag fehlt, der Rand des Unterlids ist nach aussen gedreht. Wange und Mundwinkel hängen schlaff hinunter, die Hautfalten sind verstrichen.
  • Funktionelle Ausfälle: Beim Trinken läuft Flüssigkeit aus dem Mundwinkel über das Kinn und das klare Sprechen (Artikulation) kann Mühe bereiten, weil die Lippen sich nicht mit Kraft schliessen lassen. Das Spitzen der Lippen und Pfeifen sind unmöglich.
  • Sensible Ausfälle: Manchmal ist auch das Berührungs-, Schmerz- oder Temperaturgefühl gestört. Ein halbseitiger Geschmacksausfall über der vorderen Zungenhälfte und Hörstörungen (zu lautes Wahrnehmen von Geräuschen oder Tinnitus) können den Zustand begleiten.
  • Auge: Für das Auge besteht die Gefahr des Austrocknens sowie der Hornhaut- und Bindehautentzündung, wenn es nicht richtig geschlossen werden kann und zusätzlich, wenn die Tränenbildung reduziert ist. Das Auge ist ausserdem nicht mehr geschützt gegen das Eindringen von Fremdkörpern wie Staubpartikel, Rauch und nicht gegen atmosphärische Immissionen

Die Zentrale Lähmung

Sie betrifft überwiegend die untere Gesichtshälfte und damit die Mimik im Mundbereich. Weil für Bewegungen der Stirne und für den Lidschluss die Nervenimpulse von beiden Hirnhälften kommen, wird ein einseitiger Ausfall des Nervenzentrums – beispielsweise nach Hirnschlag – im oberen Gesichtsbereich durch die gesunde andere Hirnhälfte ausgeglichen. Das Auge kann noch geschlossen werden, allerdings fällt der Lidschluss schwächer aus.

Verlauf

Die periphere Fazialislähmung hat gute Aussicht auf zumindest teilweise Rückbildung und die Spontanheilungsrate erreicht 60 bis 80%. Die Nervenfunktion kann sich bald wieder erholen, bis zur Genesung vergehen aber oft einige Wochen bis Monate. Die Prognose ist insbesondere günstig, wenn die Lähmung nicht komplett ist und sich rasch wieder Teilfunktionen einstellen. Eine frühzeitige medikamentöse Therapie wirkt sich vorteilhaft aus.
Gelegentlich bleiben indessen Restsymptome zurück, wozu auch Zuckungen der Gesichtsmuskulatur gehören, eine Asymmetrie des Gesichts oder funktionelle Ausfälle (fehlender oder abgeschwächter Lidschluss, Erschlaffung der Lippen usw.).

Was man selbst tun kann – Vorbeugen

Bei fehlendem Lidschluss muss das Auge nachts mit einer Schutzklappe versehen werden. Das Austrocknen verhindern tagsüber künstliche Tränenflüssigkeit, nachts das Anfeuchten mit einer Augensalbe.

Bewegungsübungen vor dem Spiegel können Restfunktionen fördern und zur Rehabilitation beitragen. Es sollte aber nicht zu viel trainiert werden, 20 bis 30 Minuten täglich genügen, in drei bis vier Etappen. Durch übermässiges Stärken der Muskulatur auf der gesunden Seite kann sich die Asymmetrie verstärken und es besteht die Gefahr des Auftretens von fehlerhaften Mitbewegungen (zum Beispiel gleichzeitiges Schliessen des Augenlids bei Mundbewegungen).

Ausser dem Schutz vor schweren Kopfverletzungen (Helm tragen) bei entsprechenden Arbeiten und Sportarten sind keine Prophylaxemöglichkeiten bekannt.

Wann braucht es den Arzt

Bei Verdacht auf eine Fazialisparese sollte man rasch einen Arzt aufsuchen, da Medikamente in der Frühphase besser wirken. Wenn starke Ohrschmerzen eine Gesichtslähmung begleiten, sollte dies notfallmässig zum Arzt führen.

Neurologische Untersuchungen präzisieren die Diagnose. Eine umfassende fachärztliche Abklärung ist besonders bei einem verzögerten Heilungsverlauf nötig. Dann werden weitere Verfahren eingesetzt wie Elektromyographie, Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT). Eine Untersuchung der „Nervenflüssigkeit“ des Rückenmarkkanals (Liquor) erfolgt bei Verdacht auf eine infektiöse Ursache.

Therapie

Die konservative Therapie besteht in erster Linie in der Gabe von Kortisonpräparaten. Die Schwellung des Nervs soll damit möglichst rasch behoben werden. Wenn Ursachen bekannt sind, werden auch diese behandelt, zum Beispiel mit Virostatika (Mittel gegen Viren) bei Nachweis von Herpes- oder Zosterbläschen, Antibiotika bei Borreliose.
Operation: Sind Restlähmungen zurückgeblieben, können verschiedene plastisch-chirurgische Massnahmen den Zustand verbessern – abhängig von den Ausfallserscheinungen.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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