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Gicht

Gicht ist die zweithäufigste Stoffwechselkrankheit nach Diabetes mellitus. Ursache ist ein übermässiger Gehalt an Harnsäure im Blut, Folge davon die Einlagerung von Harnsäurekristallen in Knorpel und Knochen von Gelenken, in Nieren, Haut, Schleimbeutel, Sehnen und Ohrknorpel. Klinisch ist Gicht charakterisiert durch Schmerzattacken in Gelenken, in denen bei schwerer Erkrankung Schädigungen entstehen wie auch in anderen Organen, besonders in den Nieren.

Harnsäure ist ein Endprodukt des normalen Abbaus von körpereigenen Zellen aber auch von tierischem Gewebe. Die Ausscheidung erfolgt hauptsächlich mit dem Urin, demzufolge über die Nieren. Wenn deren Ausscheidekapazität überschritten wird, steigt der Harnsäurespiegel im Blut.

In Europa gilt Gicht als Wohlstandskrankheit, denn sie tritt häufig zusammen mit Übergewicht, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit auf, evtl. mit Lebererkrankungen und Fettstoffwechselstörungen. Einen erhöhten Harnsäurespiegel im Blut dürften etwa 20% der Gesamtbevölkerung haben, doch nur bei einem Bruchteil bricht eine Gicht tatsächlich aus. Männer erkranken bedeutend häufiger als Frauen. Bei sportlich aktiven Menschen ist Gicht selten.

Begriffserklärungen

Harnsäure:

Aus dem Abbau von Purinen entsteht als Endprodukt des Stoffwechsels Harnsäure. Deren Ausscheidung erfolgt zu 75% durch die Nieren, der Rest über Speichel, Schweiss, Darmsekrete. Ungenügende Ausscheidung führt zum Auskristallisieren von Harnsäure in verschiedenen Körpergeweben.

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Strukturformel Harnsäure

Harnstoff:

Er ist ein ungiftiges Endprodukt des Stoffwechsels von Aminosäuren und verlässt den Körper ebenfalls durch die Nieren. Chemisch ist er bedeutend einfacher aufgebaut als die Harnsäure. Industriell wird Harnstoff verwendet zur Fabrikation von Kunstdünger und Kosmetika.

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Strukturformel Harnstoff

Purine:

Sie bilden das Grundgerüst von Harnsäure. Im Körper selbst entstehen sie durch Abbau von Zellen und Zellkernen, von aussen zugeführt werden sie mit tierischer Nahrung.

Podagra:

Schmerzattacke im Grosszehengelenk bei Gicht. Das aus dem Griechischen stammende, zusammengesetzte Wort ποδάγρα (pod-ágra, Fuss-Schmerz) war schon im Altertum gebräuchlich.

Ursachen und Risikofaktoren

Ursache ist ein Ungleichgewicht zwischen der Menge Harnsäure im Blut und deren Ausscheidung durch die Nieren. Das Missverhältnis kann beruhen auf einer verminderten Leistung der Nieren oder auf einem Überangebot an Harnsäure, das auch normal funktionierende Nieren nicht zu bewältigen vermögen. Folge ist eine über längere Zeit hinweg andauernde, zu hohe Konzentration an Harnsäure im Blut und das Auskristallisieren von Harnsäuresalzen in verschiedenen Organen. Mögliche Ursachen für zu hohe Harnsäurewerte sind:

Ungenügende Ausscheidungsfähigkeit durch die Nieren

  • Familiäre, erbliche Nierenfunktionsstörung, die selektiv die Ausscheidung von Harnsäure betrifft – so genannte primäre Gicht.
  • Niereninsuffizienz (Nierenversagen) z.B. im Rahmen eines Diabetes mellitus.

Den Stoffwechsel von aussen beeinflussende Faktoren

  • Übermässige und ungeeignete Ernährung (purinreiche Lebensmittel), oft mit Begleiterscheinungen wie Übergewicht, Bewegungsmangel.
  • Medikamente: manche beeinträchtigen die Ausscheidung von Harnsäure, z.B. „wassertreibende“ Arzneimittel (Diuretika) und Medikamente, welche die Abstossung von Transplantaten verhindern sollen, seltener Aspirin und andere.
  • Alkoholmissbrauch: chronischer, übermässiger Alkoholkonsum hemmt die Harnsäureausscheidung.

Im Körper selbst vermehrt gebildete Harnsäure

Die körpereigene Harnsäureproduktion ist vermehrt bei gesteigertem Zellzerfall durch Infektionskrankheiten, Verletzungen, Operationen, ferner bei ungenügender Flüssigkeitszufuhr oder extremem Fasten sowie bei Blutkrankheiten, insbesondere Leukämie.

Begleiterscheinung bei bestimmten Krankheiten

In Zusammenhang mit verschiedenen Krankheiten kommt Gicht vermehrt vor, z.B. bei Psoriasis, bösartigen Tumoren (auch als Folge von Chemo- und Radiotherapie) und bei einigen Stoffwechselkrankheiten (etwa Schilddrüsenunterfunktion).

Das Krankheitsbild

Akuter Anfall

Unmittelbare Auslöser können eine üppige Mahlzeit oder ein Alkoholexzess sein. Betroffen sind hauptsächlich rundliche Männer jenseits des 30. Lebensjahrs. Nach reichlichem Essen oder Alkoholgenuss treten plötzlich starke Schmerzen eines Arthritis-Schubes auf, typischerweise in einem Grosszehengelenk (Podagra). Der Schmerz kann zu jeder Tages- oder Nachtstunde beginnen, wird nachts aber besonders intensiv erlebt. Das Gelenk ist geschwollen, überwärmt, gerötet oder rotblau verfärbt, kann vor Schmerzen nicht bewegt werden und ist äusserst berührungsempfindlich.
In etwa der Hälfte der Fälle ist das Grosszehengelenk betroffen, seltener die Ferse, das Sprunggelenk, der Mittelfuss oder das Knie, noch seltener Ellbogen-, Hand- und Fingergelenke oder die Schulter. Aber nicht immer ist der Verlauf typisch; manchmal kommt es nur zu leichten Schwellungen und Schmerzen.

Das Ereignis dauert Stunden bis einige Tage, selten Wochen. Anschliessend sind die Patienten wieder beschwerdefrei, unter Umständen monate- bis jahrelang. Im Allgemeinen gilt jedoch: Wenn es nicht gelingt, die Harnsäurekonzentration zu senken, und wenn die Gicht lange Zeit besteht, treten die Anfälle immer häufiger auf.

Begleiterscheinungen sind manchmal Fieber, besonders zu Beginn auch Kopfschmerzen, Übelkeit und Herzrasen. Ein weiteres akutes Geschehen im Zusammenhang mit Gicht ist die Nierensteinkolik.

Chronische Gicht

Sie manifestiert sich hauptsächlich an drei Organsystemen:

  • Nieren: Etwa jeder zweite Gichtkranke leidet an Nierensteinen und an Koliken, wenn Steine in einen Harnleiter gelangen. Einlagerung von Harnsäuresalzen ins Nierengewebe kann die Nierenfunktion schwer beeinträchtigen (Gichtniere) und zum Nierenversagen führen.
    Hypertonie ist eine Folge der Nierenschädigung. Gegen 50% der Patienten mit Gicht leiden an hohem Blutdruck.
  • Gelenke: Nach jahrelangem Verlauf werden die Strukturen zahlreicher Gelenke durch Harnsäureeinlagerung zerstört, es entstehen Arthrosen mit teils ausgeprägten Deformitäten. Darauf bezieht sich die Bezeichnung „Arthritis urica“.
  • Körperoberfläche: Es lagern sich Harnsäurekristalle in Weichteilen (Haut, Ohrmuschel, Schleimbeutel, Sehnenscheiden) ab. Dort bilden sich sicht- und tastbare Vorwölbungen und Knoten, die gelegentlich nach aussen aufbrechen.

Was man selbst tun kann – Vorbeugen

Während des Anfalls: Das betroffene Gelenke ruhig halten, kühlen und hochlagern. Als Schmerztabletten haben sich antirheumatische Medikamente bewährt.

Auf lange Sicht: Man kann Gicht in mancher Hinsicht unter Kontrolle halten und selbst dazu beitragen, dass man nicht erneut von einem Anfall überrascht wird:

  • Viel und regelmässig trinken – mindestens zwei Liter täglich, aber nur wenig Alkohol (vor allem kein Bier und keinen Schnaps). Bei körperlichen Anstrengungen besonders gut auf genügend Flüssigkeitszufuhr achten.
  • Gewichtskontrolle. Strenges Fasten allerdings ist ungünstig, denn es erhöht die Harnsäurekonzentration im Blut.
  • Sportliche Tätigkeit senkt den Harnsäurespiegel im Blut.
  • Purinarm essen: Wenig Fleisch und Wurst, keine Innereien (Leber, Nieren), wenig Krustentiere (Krevetten, Scampi, Muscheln), wenig Hülsenfrüchte; unvorteilhaft ist auch Fisch in Dosen, besonders Sardellen, Thon und Sardinen. Die Haut von Fisch und Geflügel entfernen, sie ist purinreich. Menschen, in deren Familie Gicht häufig vorkommt, sind gefährdeter als andere, sollten sich frühzeitig an diese Ernährungsregeln halten und gegebenenfalls vorbeugende, regelmässige Kontrollen der Harnsäurekonzentration im Blut machen lassen. Als Eiweisslieferanten dienen bei Gichtgefährdeten hauptsächlich Milchprodukte.
  • Vor der Einnahme von Medikamenten die Packungsbeilage studieren: Besteht das Risiko einer vermehrten Harnsäureproduktion? Wenn ja, sollte man sich von Fachpersonen beraten zu lassen.

Wann braucht es den Arzt

Ein akuter Gichtanfall führt in der Regel zum Arzt. Unbehandelt sind nach Jahren nicht nur schwere Gelenkzerstörungen zu erwarten, sondern auch die Schädigung anderer Organe, besonders folgenschwer der Nieren.

Akuter Anfall: Ziel der medikamentösen Therapie ist es, die Gelenkentzündung zu beseitigen und die Schmerzen zu bekämpfen, was sich in der Regel gut mit Medikamenten (Rheumamittel, Steroide) erreichen lässt. Colchicinpräparate werden wegen teils gefährlicher Nebenwirkungen in der Schweiz nur noch in speziellen Situationen eingesetzt.
Auf längere Sicht muss zur Verhütung weiterer Attacken auf auslösende Faktoren geachtet werden, hauptsächlich auf Ernährung und Gewicht.

Dauertherapie: Dazu gibt es Medikamente, welche die Harnsäurebildung vermindern und andere, welche die Ausscheidung von Harnsäure beschleunigen. Heute lässt sich eine chronische Gicht mittels medikamentöser Dauertherapie in der Mehrzahl der Fälle verhindern; die Harnsäurewerte im Blut benötigen eine regelmässige Überwachung.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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