0844 277 277 Mo-Fr 8-18 Uhr
CSS Versicherung
Zur Übersicht
medicine 2.0

Kinderlähmung

Fachbegriff: Poliomyelitis

Die Kinderlähmung ist eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, verursacht durch das Poliomyelitisvirus. In Endemiegebieten trat und tritt sie vor allem bei Kindern auf, während Epidemien sind oft auch Menschen im höheren Lebensalter betroffen. Wenn das Virus das zentrale Nervensystem (Hirnstamm, Rückenmark) befällt, kann es vorübergehende oder bleibende Lähmungen erzeugen.

In der Schweiz kam es bis 1955 jährlich zu rund 850 Poliomyelitiserkrankungen, von denen etwa 70 tödlich ausgingen. Nach Durchimpfen der Bevölkerung ging die Anzahl bis 1968 auf durchschnittlich fünf pro Jahr zurück, seither auf null bis einen Fall. Die letzte, dem BAG gemeldete Poliomyelitis ereignete sich 1983.
In anderen europäischen Ländern war die Lage nicht so günstig: Epidemien gab es in Holland (1992/93), in Albanien (1996) und danach in anderen Ländern noch vereinzelte Fälle.

Dank der Schutzimpfung ist die Poliomyelitis (kurz: Polio) inzwischen in Europa und auch in Amerika ausgerottet, so dass die WHO am 21. Juni 2002 Europa offiziell für poliofrei erklären konnte. Es werden aber immer wieder Polioviren in Länder eingeschleppt, die eigentlich als poliofrei gelten, was sich auch für die Schweiz nicht ausschliessen lässt. Eine hohe Durchimpfungsrate der Bevölkerung und gute Hygieneverhältnisse sind indessen geeignete Voraussetzungen, einer Epidemie auch in diesem Fall zuvorzukommen.

In vier Ländern ist die Krankheit 2009 noch endemisch, in Nigeria, Afghanistan, Indien und Pakistan.

Begriffserklärungen

Durchimpfen:

Impfen von weiten Kreisen der Bevölkerung. Mindestens 85 bis 95% der Bevölkerung (je nach Erreger) müssen geimpft sein, wenn Krankheiten ausgerottet oder markant eingedämmt werden sollen.

Endemie:

fortwährendes oder wiederholtes Vorkommen einer Krankheit in einem geographisch begrenzten Gebiet (Endemiegebiet). Der Krankheitserreger ist in dieser Region dauernd vorhanden. Adjektiv: endemisch.

Exposition:

Der Körper ist Umwelteinflüssen ausgesetzt, z.B. Krankheitserregern, Schadstoffen irgendwelcher Art oder Strahlung.

Expositionsprophylaxe:

Vorsichts- oder vorbeugende Massnahmen, um sich schädlichen Einflüssen nicht auszusetzen.

Kontamination:

Verunreinigung, Verseuchung. Adjektiv: kontaminiert.

Meningitisch:

Die Hirnhäute betreffend. Aus dem Griechischen μήνιγξ (Meninx) die Hirnhaut.

Paralyse:

Lähmung der Muskulatur, diese stellt ihre Funktion ein, kann sich also nicht mehr kontrahieren (zusammenziehen). Adjektiv: paralytisch.

Atrophie:

Verkleinerung eines Organs oder einer Gewebemasse durch Abnahme der Zellgrösse oder der Zellzahl. Vielfach handelt es sich um eine Inaktivitäts-Atrophie, d.h. Ursache ist der Nichtgebrauch. Beispiel: Ein gelähmter Arm verliert an Muskelmasse. Adjektiv: atrophisch.

Ursache und Risikofaktoren

Erreger der Kinderlähmung ist das Poliomyelitis-Virus, von dem es drei verschiedene Typen gibt. Die Viren sind gegenüber Umwelteinflüssen sehr widerstandsfähig. Übertragen werden sie durch Schmierinfektion (verunreinigter Finger am oder im Mund), durch kontaminierte Nahrungsmittel und Wasser, seltener durch Tröpfcheninfektion (beim Sprechen, Niesen Husten). Einziges Reservoir für die Polioerreger ist der Mensch.

Schon zwei Tage nach der Infektion ist ein Mensch in der Lage, andere anzustecken Zunächst wird das Virus durch die Schleimhaut von Nase und Rachen ausgeschieden später während mehrerer Wochen bis Monate (Dauerausscheider) mit dem Stuhl. Die Krankheit ist derart ansteckend, dass innert weniger Tage über 90% der nicht-immunen Personen infiziert sind, die in engem Kontakt mit dem Patienten standen.

Das Krankheitsbild

Die Infektion bleibt in mehr als 90% der Fälle symptomlos oder Betroffene nehmen nur eine leichte Erkältung wahr, manchmal auch Zeichen einer Magen-Darm-Infektion.
Invalidisierend wird die Krankheit, wenn das Virus Zerstörungen in den motorischen (die Bewegung steuernden) Nervenzellen des Rückenmarks und Hirnstamms anrichtet. Beim voll entwickelten, meningitischen oder beim paralytischen Krankheitsbild ist der Verlauf zweiphasig.

  • Initialstadium (Anfangsstadium): 7 bis 14 Tage (gelegentlich erst mehrere Wochen) nach der Ansteckung treten Symptome ähnlich denen der Grippe auf: Abgeschlagenheit, Fieber, Schnupfen, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen. Typisch, aber nicht immer vorhanden ist Durchfall. Die völlige Heilung ist nach diesem etwa zwei Tage dauernden Stadium häufig, und niemand kommt auf den Gedanken, dass es sich um eine Poliomyelitis-Infektion handelte.
  • Latenzstadium: Es folgen ein bis vier Tage der Besserung.
  • Meningitische Poliomyelitis: Es entsteht eine Hirnhautentzündung (Meningitis), die sich bei den Erkrankten durch Kopfschmerzen und schmerzhafte Nackensteife bemerkbar macht. Die Patienten sind berührungsempfindlich, haben Gliederschmerzen, Fieber, Durchfall und Muskelschwäche. Auch in diesem Stadium ist eine folgenlose Heilung möglich.
  • Paralytische Poliomyelitis: Es trifft weniger als 1% aller Erkrankten, doch können die Folgen verhängnisvoll sein. Zeichen einer Meningitis gehen bisweilen voraus. Über Nacht („Morgenlähmung“) oder innerhalb einiger Stunden entstehen schlaffe, asymmetrisch verteilte, oft schmerzhafte Lähmungen, vornehmlich der rumpfnahen Muskeln und der Beine. Auch die Atemmuskulatur kann betroffen sein.
    Bei der zerebralen Form, wenn das Gehirn mit einbezogen ist, sind Krämpfe und Bewusstseinsstörungen möglich. Ergreift die Infektion auch Nervenzentren im Hirnstamm resultieren Schluckstörungen, zentrale Atemlähmung und Störungen der Kreislaufregulation.

Folgen der paralytischen Poliomyelitis

Das voll entwickelte Krankheitsbild (Paralyse), das der Poliomyelitis ihren deutschen Namen gegeben hat, ist immer eine potentiell invalidisierende Erkrankung, die einer Spitalbehandlung bedarf. Die Lähmungen bilden sich innerhalb mehrerer Monate manchmal vollständig zurück, doch lässt sich im Einzelfall nicht vorhersagen, ob und inwieweit der Heilungsprozess fortschreiten wird. Restzustände sind verbleibende Lähmungen mit Muskel- und Skelettatrophie, Knochen- und Gelenkveränderungen. Bei Kindern bleibt im Bereich der Lähmungen das Wachstum zurück; Folge ist Fehlwuchs mit Asymmetrien des Skeletts.

Noch nicht endgültig geklärt ist die Bedeutung des so genannten Post-Polio-Syndroms, das durch Muskelschwund, Schmerzen und Schwäche bis zur Erschöpfung, gekennzeichnet ist. Es wird ein Zusammenhang mit anderen Krankheiten diskutiert, so mit dem „Chronischen Erschöpfungssyndrom“.

Was man selbst tun kann

Im Anfangsstadium denkt niemand an eine Poliomyelitis, ausser bei einer Epidemie, oder wenn man sich in einem Land aufhält, wo Kinderlähmung bekanntermassen noch vorkommt. Die eigene Aktivität beschränkt sich demnach auf vorbeugende Massnahmen, nämlich auf das Impfen und – bei Reisen in Gefahrengebiete (Endemieland, Epidemie) – auf das Aktualisieren des Impfschutzes sowie die Expositionsprophylaxe, also das Meiden des Kontakts mit dem Krankheitserreger.

Wann braucht es den Arzt

Ein Arztbesuch ist bei Verdacht auf Poliomyelitis immer unerlässlich. In unseren Breitengraden also in erster Linie, wenn einige Tage nach einem Auslandaufenthalt in Gefahrenzonen starke Kopfschmerzen begleitet von Fieber oder andere Zeichen einer Allgemeinerkrankung auftreten. In aller Regel erkranken aber nur nicht geimpfte Personen.
Poliomyelitis ist meldepflichtig (BAG).

Die Diagnose wird durch Virusnachweis in Stuhlproben, im Rachenabstrich oder in der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) gestellt.

Therapie

Auch heute können nur die Symptome behandelt werden, was die Bedeutung des Impfens unterstreicht. Eine paralytische Poliomyelitis erfordert Behandlung durch Fachpersonen, eventuell maschinelle Beatmung. Gelähmte müssen häufig umgelagert und die Gelenke passiv durchbewegt werden, um Druckgeschwüre der Haut und Gelenkversteifungen zu vermeiden. Wichtig ist zudem die langfristige Rehabilitation mit krankengymnastischen Übungen.

Vorbeugen

Seit 1983 wurde in der Schweiz gemäss BAG keine Neuansteckung mit dem Poliovirus mehr registriert. Aus Gebieten, wo die Krankheit noch endemisch ist oder wo sie eingeschleppt wurde, können jedoch infizierte Personen einreisen. Deshalb ist das Impfen besonders im Kindesalter nach wie vor wichtig, auch wenn die WHO Europa für poliofrei erklärt hat.

  • Kinder: Dreimaliges Impfen im zweiten, vierten und sechsten Lebensmonat. Eine erste Auffrischimpfung ist im Verlauf des 2. Lebensjahres nötig, eine zweite im Alter von 4 bis 7 Jahren.
    Der Impfstoff schützt gegen alle drei Typen von Polio-Viren; die Verträglichkeit ist gut und der Schutz zuverlässig.
  • Erwachsene sollten vor Reisen in Gefahrenzonen ihren Impfschutz auffrischen lassen, sofern die letzte Impfung mehr als 10 Jahre zurückliegt.
  • Expositionsprophylaxe in Gefahrenzonen: Kein Kontakt zu Erkrankten. In Endemiegebieten oder bei Epidemien ist auf extrem sorgfältige Händereinigung mit Seife zu achten, damit sich die Erreger nicht auf dem Weg der Schmierinfektion weiter verbreiten. Wasser, das verunreinigt sein könnte, abkochen, ebenso rohe Milch. In Gebieten mit fragwürdigen Hygienestandards ungekochte Speisen meiden.

Weiterführende Informationen, Adressen

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
Haftungsausschluss/Warnhinweis

Die CSS Versicherung übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt oder Apotheker beraten. Die publizierten Angaben können den fachkundigen Rat von Arzt und Apotheker in keinem Fall ersetzen.