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Milzbrand

Fachbegriff: Anthrax
Auch: Bioterrorismus

Milzbrand ist eine bakterielle Infektionskrankheit. Die häufigste Form, der Hautmilzbrand, lässt sich mit frühzeitiger, adäquater Therapie in den meisten Fällen heilen. Lungen- und Darmmilzbrand sind seltene aber lebensbedrohende Erkrankungen. Die Bezeichnung „Anthrax“ stammt von der schwarz-roten Verfärbung der Milz erkrankter Tiere und von der Schwarzfärbung des abgestorbenen Gewebes auf Geschwüren; das griechische Wort άνθραξ (anthrax) bedeutet Kohle.

Milzbrandsporen, die Ruheformen der Bakterien, kommen natürlicherweise im Erdboden vor und befallen in erster Linie Huftiere. Von diesen kann die Krankheit auf Menschen übertragen werden. In der Schweiz und in Deutschland sind in den letzten Jahren keine Fälle von Milzbrand mehr gemeldet worden.

Bei Tieren gab es in der Schweiz 1985 ein paar Erkrankungen, danach sporadisch noch einzelne und die letzte Milzbrandinfektion wurde 1997 registriert. In Mitteleuropa ist die Krankheit insgesamt selten, sie kommt jedoch in warmen Ländern weltweit vor. Durch wirtschaftlichen Schaden besonders betroffen, den der Tod von erkrankten Tieren anrichtet, sind Südamerika, Afrika und Zentralasien. Auch in Süd- und Osteuropa ist Anthrax noch endemisch, aber praktisch nur in Gebieten mit intensiver Schaf-, Rinder-, Ziegen- oder Pferdehaltung.

Milzbrand findet hauptsächlich deswegen vermehrt Aufmerksamkeit, weil er als potentielle Biowaffe gilt (s. Exkurs am Ende dieses Textes).

Begriffserklärungen

Bazillus, Bacillus:

Gattung von Bakterien. Gelegentlich wird der Begriff Bazillen als Synonym für Bakterien verwendet. Zu dieser Gattung gehören jedoch nur einige Arten von Stäbchenbakterien; lateinisch: bacillus, Stäbchen.

Mikroorganismen:

winzige Lebewesen, die von Auge nicht oder kaum erkennbar sind. Dazu gezählt werden Bakterien, Pilze, Protozoen (Einzeller), einige Algen und ebenso die Viren, obwohl Letztere die Bedingungen der biologischen Definition von Lebewesen nicht erfüllen, da sie keinen eigenen Stoffwechsel haben. Nicht alle Mikroorganismen sind krankmachend, trotzdem wird der Ausdruck oft synonym für Krankheitserreger verwendet.

Endemie:

fortwährendes oder wiederholtes Vorkommen einer Krankheit in einem geographisch begrenzten Gebiet (Endemiegebiet). Der Krankheitserreger ist in dieser Region dauernd vorhanden. Adjektiv: endemisch.

Inkubationszeit:

Die Zeitspanne vom Moment der Ansteckung mit Krankheitserregern bis zum Ausbruch der ersten Symptome.

Kontamination:

Verunreinigung, Verseuchung. Adjektiv: kontaminiert.

Sporen:

Ruheformen von Bakterien, die gegen viele Umwelteinflüsse resistent sind. Unter günstigen Bedingungen keimen die Sporen wieder aus und bilden neue Bazillen.

Toxin:

Giftige Substanz, die von Krankheitserregern, Pflanzen oder Tieren gebildet wird. Adjektiv: toxisch.

Bioterrorismus:

gezielte Verbreitung von Krankheitserregern oder Toxinen. Biologische Waffen wurden vereinzelt auch für militärische Zwecke eingesetzt.

Ursache

Verursacher von Milzbrand ist der Anthrax-Bazillus (bacillus anthracis), der hochgiftige Toxine freisetzt. In erster Linie werden Huftiere befallen (Rinder, Schafe, Pferde, Schweine, Ziegen), die Bakterien oder Sporen mit dem Futter oder Wasser aufnehmen und meist an der Krankheit sterben. Gelegentlich stecken sich Menschen bei infizierten oder gestorbenen Tieren an. Möglich ist eine Infektion allerdings auch durch tierische Rohstoffe (Wolle, Knochenmehl) und sogar durch Fertigprodukte (z.B. Lederwaren). Gefährdet sind aber in erster Linie Berufsgruppen, die engen Kontakt zu erkrankten Tieren oder deren Produkte (Fleisch, Fell) haben, wie Tierärzte, Metzger oder in der Landwirtschaft tätige Personen.

Die Sporen der Milzbrandbakterien sind extrem widerstandsfähige Ruheformen der Erreger, die selbst unter schlechten Bedingungen Jahrzehnte überleben können. In Gebieten ohne ordnungsgemässe Seuchenbekämpfung kontaminieren Milzbrandsporen aus Tierkadavern den Erdboden von Epidemiegebieten auf Jahre hinaus.

Die Aufnahme der Sporen erfolgt meist über die Haut (90 bis 95%), bedeutend seltener über die Lungen oder den Darm. Am Eintrittsort keimen die Sporen aus und die so entstandenen Bazillen bilden Toxine. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kommt äusserst selten vor.

Das Krankheitsbild

Die Inkubationszeit beträgt einen bis sieben Tage; selten dauert sie länger – bis zu 60 Tage.
Eines der Toxine der Mikroorganismen zerstört unspezifische Abwehrzellen (so genannte Fresszellen) und schwächt dadurch die Immunabwehr. Die anderen beiden begünstigen die Vermehrung der Krankheitserreger und das Entstehen von Ödemen (Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe).

Abhängig vom Infektionsweg werden drei verschiedene Formen unterschieden:

  • Hautmilzbrand
    Die Ansteckung erfolgt durch direkten Kontakt von Hautwunden – auch kleinsten – mit dem Erreger oder seinen Sporen. Am Eintrittsort entsteht ein juckendes, schmerzloses Knötchen, darum herum ist die Haut ödematös („angeschwollen“) und es bilden sich Bläschen. In der Mitte entwickelt sich nach zwei bis sechs Tagen ein Geschwür, das mit schwärzlichen, abgestorbenen Zellen bedeckt ist. Allgemeinsymptome wie mässig hohes Fieber, Unwohlsein, gelegentlich Benommenheit sind möglich.
    Hautmilzbrand ist von den drei Formen diejenige mit der besten Überlebensprognose. Bei rechtzeitiger, adäquater Behandlung liegt die Sterblichkeit unter 1% und sogar spontane Heilung ist möglich, dies innerhalb von etwa zwei Wochen.
    In bis zu 20% der unbehandelten Fälle gelangen die Bazillen und deren Toxine indessen ins Blut und in innere Organe. Folge kann eine sog. Milzbrandsepsis (s. unten) sein.
  • Lungenmilzbrand
    Die Sporen werden eingeatmet und keimen zur aktiven (virulenten) Form der Bakterien heran. Die Krankheit ähnelt zunächst einer Erkältung. Nach zwei bis drei Tagen entwickelt sich rasch eine schwere Lungenentzündung mit Atemnot, hohem Fieber, Husten mit blutigem, sehr infektiösem Auswurf und schliesslich Kreislaufversagen. Auch bei Antibiotikabehandlung führt Lungenmilzbrand oft in wenigen Tagen zum Tod.
  • Darmmilzbrand
    Wenn die Erreger mit der Nahrung aufgenommen werden (infiziertes Fleisch, ungekochte Milch), kommt es zur Darminfektion (Enteritis) mit heftigen Bauchschmerzen, Erbrechen, blutigen Durchfällen und Fieber. Die Sterblichkeit an Bauchfellentzündung und Sepsis (s. unten) ist hoch.

Mögliche Folgen bei allen drei Formen

  • Meningitis (Hirnhautentzündung) mit Bewusstseinstrübung und Krämpfe.
  • Gefürchtet ist die Milzbrandsepsis (s. auch Sepsis), bei der die Erreger und deren Toxine mit dem Blut in andere Organe verschleppt werden und die innerhalb Stunden tödlich endet.

Was man selbst tun kann – Vorbeugen

  • Die wichtigste Massnahme gegen eine Milzbrandinfektion besteht darin, den Kontakt zu erkrankten Tieren und ihren Ausscheidungen zu meiden. Also kein ungeschütztes Berühren von potentiell kontaminierten Tieren oder Tierprodukten. An Milzbrand verstorbene Tiere müssen verbrannt werden.
  • Gegen Lungenmilzbrand kann man sich allenfalls mit einer Maske, die Nase und Mund bedeckt, schützen.
  • Die bis anhin entwickelten Impfstoffe gegen Anthrax haben viele, teils schwerwiegende Nebenwirkungen und die Dauer des Schutzes ist unsicher. Die Impfungen sind für Menschen nicht offiziell zugelassen und höchstens für Hochrisikogruppen angebracht.

Wann braucht es den Arzt

Bei Verdacht, mit dem Erreger in Kontakt geraten zu sein, sei es im Zusammenhang mit kranken Weidetieren oder gezielter Verseuchung (s. unten), ist eine ärztliche Abklärung dringend.

Zur Diagnose werden Bläschenflüssigkeit (Hautmilzbrand), Auswurf (Lungenmilzbrand), Stuhl (Darmmilzbrand) oder Blut (Sepsis) untersucht. Aus Sicherheitsgründen ist dies nur in speziellen Labors gestattet.

Die Behandlung erfolgt mit Antibiotika. Falls Verdacht auf Lungen- oder Darmmilzbrand besteht, muss wegen der hohen Lebensgefahr sofort prophylaktisch, also noch ohne Diagnosestellung, mit der Therapie begonnen werden. Aber auch bei Hautmilzbrand verschlechtert sich die Überlebensprognose, wenn die Krankheit zu spät erkannt wird. Durch unverzügliche Therapie lässt sich die Vermehrung der Bazillen eindämmen und die Menge von gebildeten Toxinen begrenzen, die für den lebensbedrohenden Verlauf verantwortlich sind. Ein Gegengift existiert nicht.
Eine chirurgische Therapie ist keinesfalls zulässig auch nicht zur Beseitigung einer Hautgeschwulst oder eines Geschwürs; es besteht die Gefahr des Verschleppens von Bazillen und Toxinen.

Biologische Waffen (B-Waffen) und Bioterrorismus

Biowaffen sind Kampfstoffe, die Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten, also lebende Organismen oder die von ihnen gebildeten Toxine enthalten. Das Verbreiten innerhalb der Zielgruppe findet am effektivsten in Form von Aerosolen statt, das heisst die Erreger oder ihre Toxine sind fein verteilt in Dämpfen oder Gasen, die eingeatmet werden. Der Angriff bezweckt das Auslösen von Panik, Massenvergiftungen und Epidemien.

Die absichtliche Vergiftung von Brunnen oder das Verbreiten von Krankheiten durch infizierte Leichen (z.B. Pest-Tote im Mittelalter) müsste als älteste Formen des Einsatzes von Biowaffen angesehen werden.
Im 20. Jahrhundert wurde in vielen Staaten mit Krankheitserregern für den Kriegseinsatz experimentiert und manche Länder besitzen heute B-Waffen. Versuche gab es mit Milzbrand, Pocken, Typhus, Botulinustoxin und anderen. Auch Cholera, Pest, Ebola und viele weitere sind als biologische Waffen denkbar.

Wegen ihrer hohen Stabilität eignen sich Milzbrandsporen ganz besonders für kriminelle und terroristische Aktivitäten (Versandmöglichkeit per Post). Man schätzt allerdings, dass für eine Erkrankung an Lungenmilzbrand mindestens 8’000 bis 50’000 Sporen eingeatmet werden müssen. Ausserdem erfordert die Aufbereitung der Sporen eine hoch entwickelte Technologie

Rückblick

  • Bereits 1932 experimentierten Japaner mit biologischen und chemischen Waffen, vorerst an Einzelpersonen, später in ganzen Regionen; auch wurde verschiedentlich Wasser verseucht.
  • Während des 2. Weltkriegs führten die Engländer auf der vor Schottland liegenden Insel Gruinard Experimente mit Milzbrand durch. Die Insel bleibt unbewohnbar.
  • 1992 hat der russische Präsident Boris Jelzin eingestanden, dass während der 70er Jahre in der damaligen Sowjetunion ebenfalls mit Anthrax geforscht wurde. 68 Personen starben, nachdem Anthraxsporen durch offene Luftfilter in die Umgebung geraten waren. Dies geschah, obwohl Russland – wie nahezu 150 andere Staaten – der B-Waffenkonvention beigetreten war, die bereits seit 1972 die Entwicklung, Herstellung und den Einsatz biologischer Waffen verurteilte.
  • Da Milzbrand in der westlichen Welt nur noch sehr selten auftritt, gilt eine zufällige Häufung von Erkrankungsfällen als unwahrscheinlich, weshalb bei einem solchen Vorkommnis von bioterroristischen Anschlägen ausgegangen wird. Solche sind 2001 in den USA mittels Versand von Briefen erfolgt; in Europa gab es daraufhin einige Verdachtsfälle, die sich jedoch nicht bestätigen liessen.

Als sicher gilt, dass weltweit längst nicht alle Arsenale biologischer Waffen vernichtet wurden. Es ist im Gegenteil zu befürchten, dass in verschiedenen Ländern weiterhin mit Krankheitserregern experimentiert wird.

2004 erfolgte durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates eine völkerrechtliche Ächtung der Aneignung von B-Waffen zur Massenvernichtung, es sind jedoch konkretere Konventionen und Staatsverträge nötig. Verschiedene Länder haben unterdessen Einsatzpläne für den Fall aufgestellt, dass ein bioterroristischer Anschlag stattfinden sollte.

Umgang mit verdächtigen Briefen oder Paketen

Besteht Verdacht auf terroristische Verbreitung von Milzbrand durch Erhalt einer verdächtigen Sendung (auch Drohungen sind ernst zu nehmen), empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

  • Den Umschlag oder das Paket nicht öffnen, nicht schütteln oder daran riechen, sondern mit einem Eimer, einer Kiste oder mit Tüchern zudecken.
  • Ist der Umschlag bereits offen und irgendein Pulver ausgetreten, alles unberührt liegen lassen. Hautkontakt und Einatmen von Staub vermeiden.
  • Ventilatoren oder Klimaanlage ausschalten.
  • Fenster und Türen schliessen, den Raum verlassen und mit einem Warnschild markieren. 
  • Hände und Gesicht sorgfältig mit Seife und Wasser waschen.
  • Polizei und Arzt kontaktieren.

Weiterführende Informationen und Adressen

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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