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Persönlichkeitsstörungen

Mit dem Begriff Persönlichkeitsstörung wird ein andauerndes Verhaltens- und Erlebnismuster bezeichnet, das von den Erwartungen des sozialen Umfelds abweicht. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung können wahrgenommen werden als schrulliger Mitbürger, überspannter Gelehrter, komischer Kauz, unangenehmer Zeitgenosse, Querulant, „Tüpflischisser“. Sie sind meist wenig flexibel, haben Mühe, sich anzupassen und Beziehungen aufrecht zu erhalten. Charakteristisch ist auch, dass die als abnorm empfundenen Merkmale nicht nur ausnahmsweise oder in ganz bestimmten Situationen erkennbar sind, sondern anhaltend.

Die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen im engeren Sinn beginnt in der Kindheit. Symptome werden jedoch in der Regel erst im frühen Erwachsenenalter manifest und umfassen typischerweise verschiedene Lebensbereiche. Zurückhaltend muss die Diagnose bei Jugendlichen gestellt werden, weil nicht absehbar ist, inwieweit sich das Verhaltensmuster noch ändern wird.

Die Grenze zwischen als normal akzeptierten und als krankhaft empfundenen Charaktereigenschaften ist nicht scharf zu definieren. Sie liegt in einem Bereich, wo

  • das Verhalten zu Beeinträchtigung der Lebensgestaltung führt,
  • der Betroffene nicht erkennt, dass sein Verhalten wesentlich von den Erwartungen der Umwelt abweicht,
  • es nicht mehr möglich ist, das Verhalten zu ändern, trotz eigenen Willens,
  • Selbst- und Fremdgefährdung bestehen. Selbstgefährdung oder Selbstschädigung ist ein Merkmal vieler Persönlichkeitsstörungen. Darunter versteht man zum Beispiel Missbrauch von Drogen oder Medikamenten, körperliche Selbstverletzung, finanziell oder sexuell riskantes Verhalten, Essstörungen (Bulimie, Anorexie), gefährdendes Auto- oder Motorradfahren.

Ursachen

  • Erbliche Veranlagungen werden diskutiert, liessen sich bis anhin aber nicht belegen. Als sicher gilt hingegen, dass das Umfeld eine Rolle spielt.
  • Kindheitserlebnisse oder Beziehungserfahrungen werden nicht adäquat verarbeitet und integriert; sie sind konflikthaft. Daraus resultieren unpassende Verhaltensweisen.
    Persönlichkeitsstörungen haben ihre Wurzeln in der „Grundstruktur“ des Menschen. Bisweilen bestehen auch tief greifende Fehleinschätzungen oder wahnhafte Wahrnehmungen.
  • Organisch bedingte Krankheiten, die im Laufe des Lebens eintreten und das Denkvermögen einschränken oder in falsche Bahnen lenken, entstehen durch Abbauprozesse im Gehirn (so bei Arterienverkalkung oder Alzheimer), andere Hirnkrankheiten (Hirn- oder Hirnhautentzündung, Hirntumor, Epilepsie) oder Hirnverletzungen (besonders im Bereich des Frontalhirns).
    Manche Psychiater zählen allerdings die Folgen von organischen Erkrankungen des Gehirns nicht zu den Persönlichkeitsstörungen im engeren Sinn.

Formen und Leitsymptome

Die Folgen gestörten Verhaltens und Erlebens schränken einen Menschen in seinen Kontakten, seiner Leistungsfähigkeit, seiner Berufsplanung und Lebensfreude nicht selten massiv ein, abhängig vom Schweregrad der Krankheit. Sie verursachen für ihn selbst und seine Angehörigen oft grosse Schwierigkeiten. Nur in solchen Situationen sollte von Persönlichkeitsstörung gesprochen werden.
Durch die seelischen Beschwerden werden oft auch körperliche Symptome ausgelöst, insbesondere von Seiten Magen und Darm oder Herz und Kreislauf, aber auch Kopf-, Nerven- und Gelenkschmerzen.

Die Einteilung der verschiedenen Persönlichkeitsstörungen ist uneinheitlich und kann nicht allen denkbaren Varianten menschlichen Denkens, Fühlen und Handelns gerecht werden. Zwischen einzelnen Störungen bestehen oft fliessende Übergänge, so dass Merkmale verschiedener Formen gleichzeitig vorhanden sein können. Dann, und wenn andere Leiden wie Depressionen, schwere Angstzustände oder Missbrauch von Drogen (auch Medikamenten) gemeinsam mit einer Persönlichkeitsstörung vorliegen spricht man von Komorbidität.
Die nachstehende Gruppierung orientiert sich an Symptomen, unabhängig von der Ursache.

Emotional instabile oder Borderline Persönlichkeitsstörung

Es handelt sich um die gegenwärtig von Psychologen und Psychiatern am häufigsten diagnostizierte Persönlichkeitsstörung. Sie weist die Merkmale innerer Unsicherheit, rasch wechselnder Emotionen und mangelhafter oder fehlender Impulskontrolle auf wie Weinerlichkeit, übertriebene Verletzlichkeit, oder – auf der anderen Seite – Tendenz zu aggressivem, streitsüchtigen Verhalten. Emotional Instabile sind von ihren Empfindungen hin und her gerissen, versuchen jedoch, ihre Affekte zu unterdrücken. Weitere vielfach vorkommende Eigenschaften sind: Angst, verlassen zu werden und stetiges Bemühen, dies zu vermeiden, wiederholtes Gefühl der Leere, selbstschädigendes Verhalten (s. oben), auch demonstrative Suizidversuche und ambivalente Einstellung gegenüber Mitmenschen. Oft bestehen gleichzeitig Depressionen und Kombination mit Merkmalen anderer Persönlichkeitsstörungen (besonders häufig), Angst- oder Essstörungen sowie meist gestörte partnerschaftliche Beziehungen. Wenn auch dissoziative Eigenschaften (uneinheitliches, „gebrochenes“ Selbstbild) auftreten, sind Denkstörungen, Zwangsgedanken und „Dämmerzustände“ möglich.

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Sie wird vom Laien als „asoziales Verhalten“ empfunden und ist charakterisiert durch Egozentrik, mangelndes Einfühlungs- und Bindungsvermögen, Gefühlskälte, Reizbarkeit, Kontaktarmut und Missachtung sozialer Normen; Angst und Schuldgefühl hingegen fehlen. Aus eigenen Fehlern werden keine Konsequenzen gezogen. Ein „krummer Lebenslauf“, Abbruch von Ausbildung oder Berufstätigkeit, Schulden oder Suchtverhalten sind mögliche Folgen.

Ängstliche, selbstunsichere (vermeidende)Persönlichkeitsstörung

Es dominiert ein Mangel an Selbstwertgefühl, woraus sich permanente Sorgen und Ängste ergeben. Aus der Vorstellung eigener Unterlegenheit und Angst vor Kritik oder Abweisung resultieren Kontaktscheu und berufliche oder soziale Isolierung, die auch Zeichen vieler anderer Persönlichkeitsstörungen sind. Die Kombination mit Angststörungen und Depressionen ist nahe liegend.

Abhängige Persönlichkeitsstörung

Betroffene sind ausser Stande, auch nur banale Entscheidungen ohne Bestätigung durch andere zu treffen. Sie leben in ständiger Angst, verlassen zu werden, denn alleine zu sein bereitet grosses Unbehagen. Auch fühlen sie sich inkompetent oder nicht leistungsfähig und befürchten, den Alltagsanforderungen nicht gewachsen zu sein. Dies bedeutet, von Entscheiden anderer abzuhängen, sich an Bezugspersonen anzuklammern oder dauernd umsorgt werden zu wollen. Solche Menschen stellen selbst keine Forderungen und drängen eigene Bedürfnisse in den Hintergrund. Sehr oft bestehen gleichzeitig Depressionen und verschiedene körperliche Symptome wie Magen-Darm-Störungen, Kopf- und andere Schmerzen.

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Die Bezeichnung ist abgeleitet vom lateinischen Wort „Histrio“, der Schauspieler; früher sprach man auch von hysterischer Veranlagung. Histrionisch geprägte Menschen müssen sich permanent in den Mittelpunkt stellen, haben ein übermässiges Bedürfnis, beachtet und bewundert zu werden, dramatisieren Erlebtes, tragen ein theatralisches Verhalten zur Schau. In diese Richtung geht das Verhalten manches „Salonlöwen“ und „Partygirls“.
Entsprechend sind sie abhängig von Lob und Bestätigung durch andere, oft sind sie leicht beeinflussbar. Bleibt seitens der Umwelt die erwartete Anerkennung aus, besteht ein Hang zur Aggressivität in Konflikten, ebenso zu Schuldabwehr, aber auch zu Selbstmitleid.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Der Ausdruck leitet sich ab von Narzissus, einem jungen Schönling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Intensive Beschäftigung mit der eigenen Person steht im Vordergrund, das Wahrnehmen und Empfinden schwankt zwischen Extremen. Meist bestehen Gefühle der Selbstverliebtheit und Grandiosität („ich bin der Grösste“), gleichzeitig mangelt es an Einfühlungsvermögen gegenüber Anderen. Solches Verhalten empfindet die Umgebung als egozentrisch.
In der Phase der Selbstbewunderung wird Kritik nur schwer ertragen oder gar nicht zur Kenntnis genommen, man will bewundert und in seinem Tun bestätigt werden. Nach Kränkung kann die Stimmung umschlagen in ein Gefühl der eigenen Wertlosigkeit oder sogar eine Depression.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Der Bezeichnung entsprechend sind diese Menschen Zwängen unterworfen. Genauigkeit bis zum Perfektionismus, Ordnungsbedürfnis sowie Normorientierung sind charakteristisch und behindern nicht selten das Fertigstellen von Aufgaben. Zwangsgedanken und -handlungen wie Zähl- oder Waschzwang dienen der Vergewisserung, dass die eigenen Vorstellungen von Ordnung verwirklicht sind. Es gelingt nicht, dieses Verhalten zu ändern, obwohl es selbst als unangenehm und ich-fremd empfunden wird. Unvorhersehbare Ereignisse und das Abweichen von geplanten oder festen Abläufen können grosse Angst auslösen und Betroffenen fällt es schwer, auf veränderte Bedingungen adäquat zu reagieren.

Schizoide Persönlichkeitsstörung

Diese Personen sind kühl, distanziert, introvertiert, wirken abwesend und tun sich schwer, Gefühle zu zeigen und zu empfinden, oder sie verdrängen diese. Sie haben keine dauernden stabilen Beziehungen und suchen die Isolation. Der verbitterte „einsiedlerische Griesgram“ hat solche Tendenzen – nicht aber der religiös motivierte Einsiedler, dessen Bindung im Transzendentalen liegt.

Paranoide Persönlichkeitsstörung

Charakteristisch ist das Misstrauen. Paranoide Menschen rechnen ständig damit, dass man sie betrügt oder ihnen Schaden zufügt; vielfach entziehen sie sich deshalb ihrer Umwelt. Begegnungen und Situationen erleben sie als feindselig oder kränkend, weil sie Konflikte hineininterpretieren. Ausgeprägte Eifersucht ist ein weiteres typisches Merkmal. Es besteht eine Tendenz zu übersteigertem Selbstwertgefühl. Eigene Fehler erkennen Betroffene kaum, schuld sind in der Regel die anderen und diese werden in der Folge offen oder versteckt mit Vorwürfen oder Anschuldigungen bedacht.

Was man selbst tun kann – Wann braucht es den Arzt

Bemerkungen und Kommentare aus dem eigenen Personenkreis, Qualifikationsgespräche, Kritik von aussen, sind ernst zu nehmen. Dies besonders dann, wenn von verschiedenen Seiten wiederholt ähnliche Vorbehalte geäussert werden. Man sollte sich emotionslos fragen, ob vielleicht „etwas dran ist“.

Wenn sich daraus eine Krankheitseinsicht ergibt oder die Situation als belastend empfunden wird, ist es angezeigt, die Hilfe von Fachpersonen in Anspruch zu nehmen. Dies gilt ganz besonders, wenn Selbst- oder Fremdgefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Bei ernsten Krisen und Konflikten ist mitunter spezialärztliche Behandlung nötig, gegebenenfalls eine stationäre Psychotherapie.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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