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Reizdarm

Fachbegriffe: Reizdarmsyndrom, Colon irritabile

Das Reizdarmsyndrom äussert sich als Episoden von Bauchschmerzen oder anderen Missempfindungen. Charakteristisch ist eine erhöhte Spannung (Spastik) der Darmmuskulatur, die abwechseln kann mit vorübergehendem Erlöschen der Peristaltik (Darmtätigkeit). Die Diagnose wird erst gestellt, wenn während eines Zeitraums von mindestens 12 Wochen wiederholt folgende Symptome bestehen:

  • Bauchschmerzen oder Missempfindungen wie Blähungen, Druckgefühl usw.
  • Besserung der Beschwerden nach Stuhlentleerung.
  • Veränderte Stuhlkonsistenz und -Entleerungsfrequenz zu Beginn des Reizdarmsyndroms.

Das Leiden ist belastend, aber nicht gefährlich, und führt nicht zu bösartigen Erkrankungen. Es beginnt mehrheitlich im jungen Erwachsenen-, bisweilen jedoch bereits im Kindesalter und tritt bei Frauen öfter auf als bei Männern. Da viele Betroffene keinen Arzt aufsuchen, lässt sich die Häufigkeit nur schätzen; man geht von ca. 20% der Gesamtbevölkerung aus.

Anatomie und Begriffserklärung

Die Darmmuskulatur befördert aufgenommene Speisen mit harmonischen, wellenförmigen Kontraktionen (Zusammenziehen), der sog. Peristaltik, vom Magen in Richtung Darmausgang. Während der Passage durch den Darm werden die Nahrungsmittel chemisch abgebaut und in den Blutkreislauf aufgenommen.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Mechanismen, welche ein Reizdarmsyndrom nach sich ziehen, sind nicht in Einzelheiten bekannt.

  • Eine Hypothese vermutet als Hauptgrund eine anlagebedingte Hyperaktivität im Nervensystem des Darms (enterales Nervensystem), die zu einer intensiven Wahrnehmung von Dehnungsreizen in diesem Organ und zu Motilitätsstörungen führt. Das gleichzeitige Vorkommen von anderen Schmerzsyndromen (s. bei Krankheitssymptome) weist ebenfalls auf eine ungünstige Schmerzverarbeitung hin.
  • Bei min. 20% der Betroffenen ist eine Magen-Darm-Entzündung vorausgegangen, weshalb angenommen wird, dass auch entzündliche Vorgänge eine Rolle spielen können.
  • Diskutiert wird ferner eine Nahrungsmittelüberempfindlichkeit, speziell gegen Laktose oder Fruktose, evtl. gegen Sorbit oder andere künstliche Süssstoffe. Möglicherweise sind auch Hormone beteiligt, insbesondere weibliche Geschlechtshormone. 
  • Daneben sind Stress und psychische Konfliktsituationen seit langem als unmittelbare Auslöser von funktionellen Störungen im Magen-Darm-Trakt bekannt.

Das Krankheitsbild

Mehr als die Hälfte der Betroffenen haben einen milden und zeitlich begrenzten Verlauf mit zu- und abnehmenden Symptomen, seltener sind Fälle mit enormer Beeinträchtigung der Lebensqualität. Es werden drei Formen von Reizdarm unterschieden: 1. vornehmlich mit Verstopfung, 2. vornehmlich mit Durchfall – vor allem morgens, 3. abwechselnd dünnflüssiger, dann eingedickter, harter Stuhl. Merkmale sind im Einzelnen:

  • Missempfindungen im Bauchraum und Bauchschmerzen: Gefühle von Druck oder Überdehnung und Krämpfe, die wiederholt und an unterschiedlichen Stellen empfunden werden. Eine Besserung nach der Stuhlentleerung und das Fehlen dieser Beschwerden während der Nachtruhe sind typisch.
    Weitere Magen-Darm-Beschwerden sind Übelkeit, Aufstossen, Blähungen und aufgetriebener Bauch, evtl. Sodbrennen.
  • Gestörte Stuhlentleerung: Verstopfung oder Durchfall, häufiger Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Darmentleerung, evtl. Schleimbeimengung. Blut am oder im Stuhl gehört hingegen nicht zu den Symptomen des Reizdarmsyndroms. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind massive Durchfälle die häufigste Erscheinungsform, doch bleiben Gedeihstörungen aus, die Kinder sind sogar auffallend lebendig und gesund.
  • Zusätzliche Schmerzsyndrome: Fibromyalgie (bei mehr als 50% der Betroffenen), Kopfschmerzen (bei bis zu 50%), Rückenprobleme (bei mehr als 50% der Frauen), schmerzhafte Regelblutung oder urologische Probleme.
  • Nahrungsmittelüberempfindlichkeit: Als auslösende Substanzen werden insbesondere Laktose, Fruktose und Sorbit (ein künstlicher Süssstoff) genannt. Es ist allerdings zu erwähnen, dass vielfach die Nahrungsaufnahme an sich bereits zu Missempfindungen führt, auch bei Fehlen der hier erwähnten Substanzen.
    Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeit treten vereinzelt zusammen mit einem Reizdarm auf, sie können aber auch als eigenständige, gesundheitliche Störung vorkommen (Nahrungsmittelallergie).
  • Begleiterscheinungen: vegetative Beschwerden wie Schlafstörungen und Herzklopfen, daneben Müdigkeit, verminderte Lebensqualität.
  • Psychische Symptome oder Krankheiten sind teils Ursache, teils Folge. Angststörung (z.B. Angst vor Krebs), Depression und andere gehen in etwa der Hälfte der Fälle voraus. Eine psychische Begleiterkrankung findet sich vor allem bei schwerem Reizdarmsyndrom.

Ähnliche Symptome können verursachen:
Chronisch-entzündliche Darmerkrankung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) oder Zöliakie (Sprue), Endometriose, Nahrungsmittelallergie, chronischer Darmverschluss, Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis), neurologische Erkrankungen (z.B. Multiple Sklerose, Parkinson), im höheren Alter auch Darmkrebs; daneben Stoffwechselstörungen und Nebenwirkungen von Medikamenten, z.B. Präparate, die Opiate enthalten, Mittel gegen Depressionen oder gegen Epilepsie sowie Antibiotika.

Was man selbst tun kann – Vorbeugen

  • Häufiger kleine Mahlzeiten zu sich nehmen, nicht nur dreimal täglich grössere Mengen. Das Essen gut kauen. Bei Bedarf pflanzliche Abführmittel. Genügend trinken, ca. 1 ½ Liter täglich, vor allem bei Verstopfung.
  • Regelmässige Aufnahme von faserreicher Nahrung wirkt sich zwar häufig günstig aus, kann aber auch das Gegenteil bewirken.
  • Einschränken des Konsums von Käse und anderen eiweissreichen Milchprodukten, die im Darm Fäulnisprozesse auslösen können; Verzicht auf blähende Nahrungsmittel wie Zwiebeln, Kohlarten und ebenso Sellerie sowie auf künstliche Süssstoffe in grösseren Mengen, allenfalls auf laktose- und/oder fruktosereiche Lebensmittel und auf Alkohol. Meiden von Speisen, die bekanntermassen die oben genannten Symptome auslösen.
  • Viel Bewegung, Entspannungsübungen (insbesondere Autogenes Training), Vermeiden von Stressfaktoren, gegebenenfalls psychologische Beratung. 
  • Hausmittel bei Bauchkrämpfen oder -schmerzen: feuchtwarme Bauchwickel. Kamillen-, Fenchel- oder Kümmeltee oder eine Kombination von diesen zubereiten und jeweils täglich mehrmals eine Tasse trinken, über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Gut bewährt hat sich ausserdem Pfefferminzöl zum Einreiben auf der Bauchhaut oder in Form von Kapseln.
    Weitere Hausmittel enthält das Buch „Hausmittel sinnvoll einsetzen“ (ISBN 978-3-033-01334-6), das hier bestellt werden kann. (145 Seiten).
  • Alternativmedizin: Anwendung von chinesischen Kräutern (TCM, Traditionelle Chinesische Medizin), Fussreflexzonenmassage, Hydrotherapie (Fussbäder mit ansteigenden Temperaturen), Fangopackungen, Homöopathie, Akupunktur.

Wann braucht es den Arzt

Der Arzt sollte rasch konsultiert werden, wenn massive oder ungewöhnliche Durchfälle, hohes Fieber, Blut im Stuhl, oder Gewichtsverlust auftreten. Bei diesen Symptomen besteht der Verdacht, dass es sich nicht um einen Reizdarm handelt, sondern z.B. um eine Infektion oder bei älteren Menschen um eine Krebskrankheit. In der zweiten Lebenshälfte müssen Stuhlunregelmässigkeiten immer ärztlich abgeklärt werden.

Diagnose

Sie basiert auf den Beobachtungen und Angaben des Patienten, zusätzlich auf Stuhl- und Blutuntersuchungen, einem Atemtest zur Abklärung von Laktose- oder Fruktoseunverträglichkeit, Kontrastmittelröntgen, Ultraschall, Computertomographie (CT), gegebenenfalls Koloskopie (Darmspiegelung) mit Biopsie (Gewebeentnahme). Es gibt indessen keinen Test, der es erlauben würde, die Diagnose direkt zu stellen. Das Reizdarmsyndrom als funktionelle Gesundheitsstörung ist eine sog. Ausschlussdiagnose. Sie darf nur gestellt werden, wenn keine organischen Ursachen der Bauch- oder Verdauungsbeschwerden gefunden wurde

Therapie

Angesichts der vielschichtigen Problematik gibt es kein einheitliches Schema für die Behandlung, verschiedene Massnahmen müssen hinsichtlich ihrer Zweckmässigkeit individuell ausprobiert werden. Generell eignet sich, was im Abschnitt „Was man selbst tun kann“ genannt ist.
Bei deutlicher Spastik (Krampfzustand) der Darmmuskulatur sind krampflösende Medikamente gelegentlich angezeigt und je nach Schweregrad des Syndroms können auch Psychopharmaka (psychisch wirksame Medikamente) angebracht sein.

Weiterführende Informationen, Adressen

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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