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Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz ist die mangelnde Fähigkeit, den Stuhl im Enddarm zurückzuhalten und kontrolliert zu entleeren. Es kommt also zu unwillkürlichem Abgang von Darminhalt. Zwar ist Stuhlinkontinenz seltener als Harninkontinenz, bezüglich Lebensqualität jedoch belastender und noch häufiger ein Grund, soziale Kontakte zu meiden. Es erkranken hauptsächlich ältere Menschen, Frauen öfter als Männer.

Anatomie

Die Stuhlentleerung des gesunden Menschen wird vom zentralen Nervensystem sowohl reflektorisch als auch willkürlich gesteuert. Reflektorisch bedeutet, dass kein Stuhl unkontrolliert abgeht, auch nicht während des Schlafs. Willkürlich heisst, dass beim Bewusstwerden „der Darm ist voll“ die Entleerung vollzogen oder absichtlich zurückgehalten werden kann. Damit die zentrale Steuerung auch richtig funktioniert, ist sie angewiesen auf:

  • „Zustandsbericht“: keine Meldung oder Meldung „Stuhldrang“.
  • Übermittlung von willkürlichen Befehlen des Gehirns zum Schliessmechanismus.
  • Eine muskuläre Abdichtung, die je nach Bedarf zuverlässig schliesst oder öffnet. Zur wirksamen Abdichtung ist ein Zusammenwirken von Muskeln, Venengeflecht und Haut am After nötig.

Ursachen

Stuhlinkontinenz ist keine Diagnose im medizinischen Sinn, sondern ein Symptom, an dem verschiedene Ursachen beteiligt sind. Die Ursachen sind anatomischer, neurologischer oder psychischer Natur. Eine Stuhlinkontinenz tritt in der Regel erst auf, wenn sich verschiedene Faktoren summieren.

  • Schwache Beckenbodenmuskeln, Schädigung der Schliessmuskulatur: Schwächung oder Verlust der muskulären Spannung des Beckenbodens und des inneren Schliessmuskels: nach schweren Geburten, Vorfall der Gebärmutter (Deszensus, Prolaps) oder des Enddarms (Rektumprolaps), Krebserkrankungen und Operationen am Enddarm, ferner bei fortgeschrittenem Hämorrhoidalleiden und aufgrund abnehmender Muskelkraft im Alter.
  • Neurologische Störungen.
    • Vom Gehirn ausgehend: Ausfall der zentralen Kontrolle kann eintreten bei Demenz, Hirntumor, Multipler Sklerose oder Hirnschlag.
    • Unterbruch der Nervenleitung im Rückenmark bewirkt Stuhlinkontinenz durch Sensibilitätsausfall und/oder Verlust der motorischen Versorgung.
      Dies kommt unter anderem vor bei Missbildungen und bei Querschnittlähmung.
    • Schädigung von Nerven des Beckenbodens: nach Operation eines bösartigen Tumors, der nahe am Darmausgang gelegen war, im Anschluss an Bestrahlung des Beckenbodens oder als Folge eines fortgeschrittenen Diabetes mellitus.
  • Psychische Belastung: Stress, „in die Hosen machen vor Angst“.
  • Chronische Entzündungen: Chronische Darmkrankheit wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn.
  • Durchfall oder Verstopfung: Die plötzliche Füllung des Enddarms mit flüssigem Stuhl nach ausgedehnten Darmoperationen oder bei infektiösem Durchfall kann zu Inkontinenz führen, wenn die Kraft des Schliessmuskels nicht ausreicht, um den dünnen Stuhl zurückzuhalten.
    Seltener bewirkt chronische Verstopfung im Sinne eines „Überlaufens des Enddarms“ eine Stuhlinkontinenz. Voraussetzung für unkontrollierbares Abgehen von festem Stuhl ist meist eine fortgeschrittene Inkontinenz.
    Auch im Rahmen ausgeprägter Hämorrhoiden kann das Gefühl für drohenden Stuhlverlust herabgesetzt sein.

Formen und Ausprägung

Stuhlinkontinenz wird in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt. In leichteren Fällen bleibt es beim Abgang von Winden oder einem Verschmieren der Unterwäsche, einer sog. Schmierinkontinenz. Schwerer wiegt ein unwillkürlicher Stuhlaustritt unter begünstigenden Bedingungen, wie bei Durchfall, Husten oder Niesen und Heben von Lasten. Flüssiger Stuhl wird naturgemäss viel schwerer zurückgehalten als geformter.
Vollständige Inkontinenz bedeutet, dass gar keine Kontrolle mehr besteht und auch geformter Stuhl abgeht

Was man selbst tun kann – Vorbeugen

  • Beckenbodentraining.
  • Stuhlregulierung durch ballaststoffreiche Nahrung und genügend Bewegung sowie Flüssigkeit – insbesondere bei Verstopfung.
  • Willentliche Stuhlentleerung nach festem Stundenplan, bei Verstopfung falls nötig zu Beginn unterstützt durch Einläufe oder Stuhlzäpfchen.
  • Wäsche- oder Inkontinenzeinlagen oder Analtampon verwenden
  • Körperhygiene: häufiger Wäschewechsel, regelmässiges Duschen Verzichtet werden sollte auf lange Sitzbäder und das Verwenden von Seife mit hohem pH-Wert oder mit Parfumzusatz; auch dies, damit die Haut nicht zusätzlich strapaziert wird.
  • Hautpflege im Bereich des Darmausgangs. Geeignet sind in erster Linie Wasser-in-Öl-Präparate, andere (ungeeignete) trocknen eher aus oder schädigen die strapazierte Haut zusätzlich, was vor allem für abdeckende Salben oder Pasten gilt.

Wann braucht es den Arzt

Viele Patienten sind gehemmt und trauen sich lange nicht, über die Inkontinenz zu reden. Schliesslich führen der Leidensdruck und das Drängen von Angehörigen oder Pflegenden zum Arzt. Eine rasche Abklärung ist nötig, wenn dem Stuhl Blut beigemengt ist.

Diagnose

Zunächst gilt es die Ursache herauszufinden. Der genaueren Abklärung dienen verschiedene Methoden wie Sonographie, anale Druckmessung, Darmspiegelung mit Entnahme von Gewebeproben und anschliessender mikroskopischer Untersuchung, Röntgendarstellung mit Hilfe von Kontrastmitteln (Defäkographie), Magnetresonanz-Tomographie (MRT).

Therapie

Die Therapie hängt ab von der Ursache. Manchmal ist eine diätetische oder medikamentöse Therapie ausreichend. Physiotherapeutische Massnahmen unterstützen die Behandlung, so Biofeedbacktraining sowie Übungen zur Kräftigung der Afterschliessmuskel- und der Beckenbodenmuskulatur.

Heute erfolgversprechend ist die Elektrostimulation bzw. Neurostimulation. Dazu wird nach einer Testphase eine Elektrode in die Nähe der Beckenbodennerven implantiert, mit dem Ziel, die Empfindlichkeit des Enddarms zu verbessern.

Eine noch in Erprobung befindliche Methode ist die Injektion von Silikon in den Bereich des Schliessmuskels, um diesen voluminöser zu machen. Allerdings gibt es diesbezüglich noch keine Studien zum langfristigen Erfolg und deshalb werden die Kosten für die Therapie nicht von der Krankenversicherung übernommen.

Für einige Formen der Inkontinenz gibt es operative Verfahren, dazu gehören die Behebung von Hämorrhoiden oder eines Mastdarmvorfalls und die Rekonstruktion des Schliessmuskels.

Weiterführende Informationen und Adressen

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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