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Sudeck-Krankheit

Fachbegriff: Sudeck-Dystrophie

Die Sudeck-Dystrophie (oft kurz nur Sudeck) ist eine entzündliche Erkrankung des Bindegewebes an Arm und Hand oder an Unterschenkel und Fuss. Sie tritt meist als Folgekrankheit nach einer Verletzung auf und manifestiert sich an allen Strukturen der betroffenen Extremität, also an Haut, Muskeln und am Skelett, auch an den Gelenken. Fehlgesteuerte vegetative Impulse bewirken schmerzhafte Schwellung, bläuliche Verfärbung der Haut, Gelenksteife, Muskelatrophie und lokal Osteoporose.
Betroffen sind überwiegend Frauen.

Begriffserklärungen

Atrophie:

Verkleinerung eines Organs oder einer Gewebemasse durch Abnahme der Zellgrösse oder der Zellzahl. Vielfach handelt es sich um eine Inaktivitäts-Atrophie, d.h. Ursache ist der Nichtgebrauch. Beispiel: Ein gelähmter Arm verliert an Muskelmasse. Adjektiv: atrophisch.

Dystrophie:

Fehlentwicklung von Gewebe, Organen oder Körperteilen, einhergehend mit Funktions-, Gedeih- oder Entwicklungsstörung.

Sudeck:

Der Hamburger Chirurg Paul Sudeck (1866 – 1945) hat die nach ihm benannte Krankheit 1900 wissenschaftlich erforscht und beschrieben. Beobachtet wurde sie aber schon im amerikanischen Bürgerkrieg (Sezessionskrieg, 1864) bei verletzten Soldaten.

Extremitäten:

Die Arme und Beine; im Gegensatz dazu werden Kopf und Rumpf nicht als Extremitäten bezeichnet.

Osteoporose:

Knochenschwund durch Entkalkung und Verminderung der Knochenmasse mit Veränderung der Knochenstruktur.

Vegetatives Nervensystem:

Es steuert unabhängig vom Willen lebenswichtige Körperfunktionen wie Blutdruck, Verdauung, Körpertempe-ratur und viele andere. Davon abgeleitet: Vegetative Funktionen.

Reflex:

Unwillkürliche Reaktion des Nervensystems auf einen Reiz wie Schmerz oder Hitze.

Kontraktur:

Fehlstellung und Bewegungseinschränkung von Gelenken durch Schrumpfung oder Verkürzung von Weichteilen, besonders von Muskeln und Sehnen.

Ursachen

  • Am häufigsten liegt dem Sudeck eine Extremitätenverletzung im weitesten Sinn zugrunde. Dabei kann es sich um eine unfallbedingte oder um eine Operationswunde handeln; häufig liegt ein Knochenbruch, eine Quetschung, Prellung, Verstauchung, Verbrennung oder eine lokale Infektion (Abszess) zugrunde.
  • Seltenere Auslöser:
    • Forcierte und schmerzhafte Physiotherapie nach einer Verletzung.
    • Neurologische Ursache: im Anschluss an die Verletzung eines Nervs oder nach Halbseitenlähmung.
  • Eine Sudeck-Krankheit kann auch spontan und ohne erkennbare Ursache auftreten.

Die Schwere des auslösenden Faktors steht nicht in Relation zum Auftreten und zur Ausprägung, schon Bagatellunfälle können zu einer Sudeck-Krankheit führen. Man nimmt daher als Ursache eine Art überschiessenden Reflexmechanismus seitens des Nervensystems an, worauf die Bezeichnung „Reflexdystrophie“ hinweist. Psychische Faktoren spielen vermutlich eine wesentliche Rolle. Dies lässt sich aus der Beobachtung schliessen, dass viele Erkrankte im Vorfeld belastende Ereignisse erlebten wie Todesfälle, partnerschaftliche, berufliche oder finanzielle Schwierigkeiten. In der Folge entsteht eine vegetative Fehlsteuerung über den Verletzungsbereich hinaus mit den Zeichen einer schmerzhaften Entzündungsreaktion in Bindegewebsstrukturen. Wieso einige Menschen zu dieser Erkrankung neigen, andere hingegen nicht, bleibt unklar.

Das Krankheitsbild

Der Beginn ist dadurch charakterisiert, dass der verletzte Körperteil nach anfänglicher Erholung vom auslösenden Trauma erneut zu schmerzen anfängt.

  • Schmerz: Es wird sowohl über Ruhe- und Nachtschmerz von wühlendem Charakter geklagt, als auch über Bewegungsschmerz, so dass Betroffene oft das Bewegen von Bein oder Arm vermeiden. Dies hat Inaktivität zur Folge, die ihrerseits zu Atrophie der lokalen Bindegewebsstrukturen führt.
  • Hautveränderungen: Die Haut schwillt an und ist prall-glänzend, teigig. Ausserdem fällt eine bläulich-rötliche Verfärbung auf, die sich besonders im Seitenvergleich zum entsprechenden gesunden Körperteil erkennen lässt. Konstant nachzuweisen ist vermehrtes Schwitzen. Es kommt auch zum eigenartigen Phänomen eines vermehrten Haarwuchses, besonders gut zu erkennen an Hand- oder Fussrücken. Die oberflächlichen Venen sind verstärkt in der Haut erkennbar.
  • Gestörte Oberflächenempfindlichkeit: Die Sensibilität auf Berührung oder Temperatur kann herabgesetzt, aber auch bis zum Schmerz gesteigert sein.
  • Temperaturdifferenz: Der Fuss oder die Hand ist im Anfangsstadium überwärmt.
  • Bewegungseinschränkung: Gelenke im erkrankten Bereich sind geschwollen und ihre Beweglichkeit ist eingeschränkt.

Oft klingen diese Symptome allmählich ab – selbst die Rückbildung einer fortgeschrittenen Sudeck- Dystrophie ist möglich – und die Krankheit heilt aus.

Folgezustände

Bei fortschreitendem Verlauf lassen sich allerdings nach Wochen bis Monaten an Haut, Muskeln, Gelenken und Knochen Folgen der Inaktivität erkennen:

  • Muskelatrophie: Die betroffene Extremität wird nun (nach ursprünglicher Schwellung) atrophisch-dünn.
  • Hautatrophie: Die Haut wird glatt, glänzend und ist schlecht verschieblich.
  • Gelenkversteifungen: Die Gelenkkapseln und -bänder schrumpfen wegen Nichtgebrauchs und die Beweglichkeit nimmt ab (Kontraktur).
  • Lokale Unterkühlung ist ein Zeichen fortgeschrittener Atrophie und weist auf Minderdurchblutung wegen Nichtgebrauchs hin.
  • Osteoporose, sie ist im Röntgenbild zu erkennen.

Was man selbst tun kann – Vorbeugen

Die Heilung einer Sudeck-Krankheit erfordert viel Geduld. Lauwarme Arm- oder Fussbäder können den Schmerz mildern. Mit regelmässigen Bewegungs- und Geschicklichkeitsübungen – ohne Anstrengung und nur bis zur Schmerzgrenze – kann man versuchen, der Gelenkversteifung entgegen zu wirken. Muskel-Aufbautraining hilft ferner, die Osteoporose in Grenzen zu halten.

Vorbeugen

Zu vermeiden ist forcierte Physiotherapie im Anschluss an einen Unfall. Beweglichkeitsübungen sollen locker und möglichst schmerzfrei geschehen und im Wesentlichen als wohltuend empfunden werden.

Wann braucht es den Arzt

Die Diagnose und die Information über das Geschehen sind Aufgabe des Arztes. Angesichts der noch immer ungeklärten Krankheit beruht die Behandlung auf unterschiedlichen Therapieansätzen, die auch vielfach kontroversen, therapeutischen Konzepten folgen. Nachstehend eine Auswahl, die nicht vollständig sein kann:

  • Ruhigstellen der verletzten Extremität in Entspannungshaltung. Die Wiederaufnahme physiotherapeutischer Übungen muss behutsam erfolgen.
  • Grossflächige Kühlung im akuten Stadium.
  • Medikamente: Schmerzmittel, Kortisonpräparate, Vitamine der D-Gruppe, Antidepressiva, verschiedentlich auch Hormone, Calcitonin.
  • Lokalanästhesie zur Blockade der Schmerzleitung in bestimmten Nerven.
  • Physikalische Therapie, Lymphdrainage, Akupunktur, Ultraschall und Magnetfeldtherapie.
  • Autogenes Training.
  • Operationen: In einem irreparablen Endzustand kommt die operative Korrektur von Gelenkskontrakturen und -fehlstellungen in Frage.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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