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Verrenkungen

Fachbegriffe: Luxation, Subluxation

Gelenke sind Verbindungen zwischen zwei oder mehr Knochen, die kontrollierte Bewegungen ermöglichen. Wenn die knöchernen Komponenten ihren anatomisch korrekten Zusammenhang verloren haben, besteht eine Verrenkung, ein Ausrenken oder Auskugeln (lateinisch: Luxation).

Häufiger als eine Luxation ist aber die unvollständige Ausrenkung, eine so genannte Subluxation. Die Knochen haben ihren Zusammenhalt nicht völlig eingebüsst, die Gelenkflächen bleiben noch teilweise in Kontakt.

Ursachen

Die Gelenkbewegungen werden durch drei „Führungsebenen“ kontrolliert:

  • Die knöcherne Ausformung des Gelenks. Beispiel: Ein Oberschenkelkopf muss kongruent in die Hüftgelenkspfanne passen, die Gelenkpfanne muss entsprechend gut modelliert sein.
  • Die Gelenkbänder als passives Element. Bei einem Bänderriss kann die Stabilität verloren gehen und die am Gelenk beteiligten Knochen verlieren ihren korrekten Zusammenhalt.
  • Der muskuläre Gelenkschluss. Die Muskeln bewegen das Gelenk und stabilisieren seine Lage aktiv. Voraussetzung für die Muskelfunktion sind intakte Nerven, die die motorischen Impulse vermitteln und den Körper gleichzeitig über die Lage der Gelenke informieren.

Das im Folgenden Gesagte gilt gleichermassen für Subluxationen wie für (komplette) Luxationen. Je nachdem, welche der angeführten Voraussetzungen überwiegend beeinträchtigt ist, gibt es verschiedene ursächliche Bezeichnungen.

Traumatische Luxation

Traumatisch heisst unfallbedingt. In den meisten Fällen führt ein Schlag oder Sturz auf die beteiligten Knochen zu kombinierten Dreh- und Zugbewegungen, zu Überstrecken oder Überbeugen. Die gelenkige Verbindung „gibt nach“ und die Gelenkflächen verlieren ihren Kontakt. Manchmal weisen die am Gelenk beteiligten knöchernen Flächen Frakturen auf, es handelt sich dann um eine Luxationsfraktur. Typische Begleitverletzungen von traumatischen Luxationen sind Zerrung von Nerven, Blutgefässen und Bändern.

Angeborene Luxation

Meist sind ein oder beide Hüftgelenke betroffen. Anlagemässig sind Gelenkanteile nicht richtig ausgeformt.

Lähmungsbedingte oder paralytische Luxation

Sie beruht auf einer herabgesetzten oder fehlenden Muskelspannung um das Gelenk, dessen Zusammenhalt dadurch herabgesetzt ist. Die knöchernen Gelenkanteile rutschen auseinander. Ursache ist eine beeinträchtigte Nervenfunktion. Bei angeborenen Missbildungen des Rückenmarks (Spina bifida), vom Gehirn ausgehenden Bewegungsstörungen (zerebrale Kinderlähmung) oder nach Poliomyelitis stellen sich mit dem Wachstum zunehmende Subluxationen der Hüfte oder des Schultergelenks ein.

Pathologische Luxation

Aufgrund krankhafter Deformation und Zerstörung von Gelenkanteilen, in erster Linie durch Arthrose, passen die knöchernen Komponenten eines Gelenks nicht mehr richtig zueinander, es kommt zu Verschiebungen, zu einer Subluxation.

Spontane und habituelle Luxation

Spontane Verrenkungen, die ohne äusseren Anlass (von selbst) bei alltäglichen Arbeiten auftreten, sind besonders am Schultergelenk und an der Kniescheibe bekannt. Ursachen sind anlagebedingte oder angeborene Gelenkveränderungen (schlaffe Bänder, zu flache Gelenkflächen) oder frühere Luxationen mit „Ausleiern“ der Bänder. Das wiederholte spontane Luxieren wird als habituelle Luxation bezeichnet.

Symptome

Da sich die einzelnen Gelenke in ihrem anatomischen Bau und damit in ihrem Bewegungsausmass stark unterscheiden und die Ursachen mannigfach sind, haben Luxationen wenig Gemeinsames. Die nachstehenden Merkmale sind daher keinesfalls immer zu anzutreffen:

  • Fehlstellung (Deformität): Sie ist eines der gemeinsamen Merkmale und zeigt sich als Achsenabweichung, Verdrehung und zumeist Verkürzung des betroffenen Gliedabschnitts. Eine Deformität ist leicht erkennbar: Die bekannte Kontur einer Schulter, eines Ellbogens, eines Fingers ist verändert.
  • Funktionsausfall: Das aktive Bewegen des Gelenks ist eingeschränkt oder unmöglich, der betroffene Extremitätenteil vermindert oder gar nicht gebrauchsfähig.
  • Schmerzen: Schmerzhaft ist die traumatische Luxation, denn ohne Zerreissen oder zumindest Überdehnung der Bänder und der Gelenkkapsel luxiert ein Gelenk nicht. Es besteht also immer gleichzeitig eine Bandschädigung, die von einem Bluterguss begleitet sein kann. Auch bei Subluxation können Bänder und Gelenkkapsel mit verletzt sein.
    Eine Ausnahme bildet die sich wiederholende, habituelle Luxation. Mit jeder neuen Verrenkung werden die Bänder schlaffer und schwächer, so dass eine Luxation schliesslich kaum mehr schmerzt und auch nicht blutet.
  • Federnde Fixierung: Die Fehlstellung ist straff fixiert. Unter Mithilfe lässt sich das Gelenk geringfügig bewegen, wobei die Schmerzen zunehmen und man schnell auf einen federnden Widerstand stösst. Das Phänomen ist praktisch nur bei traumatischen Luxationen anzutreffen. Sind beteiligte Knochen gebrochen, bleibt die Fehlstellung schlaff, was man aber besser nicht ausprobiert.
  • Nervenausfälle: Nervenausfälle betreffen die Sensibilität (das Gefühlsempfinden) und/oder die willkürliche Bewegung. Sie können die Ursache von Subluxationen oder Luxationen (paralytische Luxation) sein oder als Begleitverletzung durch den Unfallmechanismus selbst (traumatische Luxation) entstehen.

Spezielle Lokalisationen

Schultergelenk

Im Schultergelenk werden die Bewegungen zwischen Schulterblatt und Oberarmknochen geführt, also Drehen, Heben und Senken des Arms. Es ist das beweglichste aller Gelenke und hat eine relativ geringe Eigenstabilität. Fast 50% aller Verrenkungen überhaupt ereignen sich hier. Schulterluxationen haben die Tendenz, sich zu wiederholen (habituelle Luxation).

  • Zusätzliche Verletzungen bei unfallbedingter Luxation sind: Zerrung von Nerven mit Sensibilitätsausfall an der Schulter, Sehnenabrisse und Frakturen in Gelenknähe.
  • Eine Nervenlähmung führt zur Erschlaffung des Muskelmantels um das Schultergelenk; durch das Eigengewicht sinkt der Oberarmkopf nach unten und es entsteht eine Subluxation. Nervenlähmungen in diesem Bereich entstehen durch Erkrankungen (z.B. Poliomyelitis, Rückenmarkerkrankungen) oder Verletzungen (Armplexusläsionen).

Ellbogengelenk

Es verbindet den Oberarmknochen mit dem Unterarm (Elle und Speiche), besteht also aus drei knöchernen Anteilen. Verletzungsmechanismus ist ein Überstrecken, Verdrehen oder Stoss in der Achse des Vorderarms. Häufige Begleitverletzungen sind knöcherne Abrisse und Zerrung von Nerven. Nach Ausrenken des Ellbogens ist die Sensibilität der Hand vielfach beeinträchtigt.

Hüftgelenk

Es bildet die bewegliche Verbindung zwischen Beckenknochen (Gelenkpfanne) und Oberschenkel (Gelenkkopf). Die Ursachen von Subluxationen und seltener von kompletten Luxationen sind so zahlreich, dass hier nur eine Auswahl vorgestellt werden kann.

  • Angeborene Subluxation oder kongenitale Hüftdysplasie: Sie beruht auf einer anlagemässig schlecht ausgeformten Hüftpfanne und entsprechend inkongruentem Gelenk. Sie ist belastet mit dem hohen Risiko einer verfrühten Arthrose.
  • Paralytische Subluxation/Luxation: Bei Missbildungen des Rückenmarks (Spina bifida), vom Gehirn ausgehenden Bewegungsstörungen (zerebrale Kinderlähmung) oder nach Poliomyelitis stellen sich mit dem Wachstum Subluxationen der Hüfte oder des Schultergelenks ein.
  • Traumatische Luxationen entstehen durch eine rasante Krafteinwirkung, die sich beim gebeugten Gelenk in der Achse des Oberschenkels fortsetzt, wie dies etwa beim Autolenker der Fall ist, dessen Knie anlässlich einer Frontalkollision von vorn getroffen wird. Das Bein ist verkürzt und je nach Luxationstyp in einer Innen-, seltener in einer Aussenrotation fixiert. Begleitverletzungen von Ischiasnerv, Schenkelkopf, Beckenknochen, Knie und an anderen Stellen sind denn auch die Regel (Mehrfachtrauma).
  • Prothesenluxation: Weniger dramatisch ist die Situation bei Trägern einer Hüftgelenkprothese: Prothesen luxieren leichter als das natürliche Gelenk, es genügt dazu schon ein geringerer Anlass. Entsprechend geht auch das Einrenken leichter vonstatten. Entsprechendes gilt für das Schultergelenk.
  • Koxarthrose: Eine schwere Hüftgelenkarthrose kann wegen der Deformation von Pfanne und Schenkelkopf zur Subluxation führen.

Kniescheibe

Das Knie ist ein dreiteiliges Gelenk, aufgebaut aus dem Oberschenkelknochen und dem Schienbein (am Unterschenkel). Vor der Verbindung dieser beiden liegt als drittes Element in einer flachen Mulde die Kniescheibe. Anlagemässige Formvarianten der Kniescheibe begünstigen deren Luxation nach der Aussenseite hin (Kniescheibenluxation). Wiederholt sich dieser Vorgang, besteht eine habituelle Luxation.

Finger- und Zehengelenke

  • Ein Schlag in der Achse des Fingers oder der Zehe ist die Ursache. An Fingern ist die Luxation durch bajonettartige Fehlstellung offensichtlich. Luxierte Zehen sind durch den Bluterguss oft so stark geschwollen, dass der Zustand weniger leicht erkennbar ist. Zerstörung der Fingergelenke durch Arthrose ist eine Ursache von Subluxationen.
  • Eine Subluxation im Grundgelenk der Grosszehe besteht bei massivem Hallux valgus (s. dort Abb. a). Das Grundgelenk der Grosszehe ist arthrotisch verändert, so dass die Knochen nicht mehr korrekt zueinander stehen.

Wirbelsäule

Durch einen Unfall oder krankheitsbedingt können sich Rückenwirbel gegeneinander verschieben, was einer Subluxation der hinteren Wirbelgelenke entspricht. Zwei unterschiedlich gravierende Beispiele von Subluxation bzw. Luxation mit Fraktur von Wirbeln zeigen die Abbildungen a) und b) im Text Wirbelfraktur.
Eine traumatische Subluxation in Bereich der Halswirbelsäule kann zu langwierigen und schwer behebbaren Beschwerden führen (Schleudertrauma).

Was man selbst tun kann - Vorbeugen

  • Bei traumatischer Luxation sollte bis zur ärztlichen Versorgung das Gelenk so schmerzlindernd als möglich gelagert oder fixiert werden. Durch Kühlen wird das Anschwellen gebremst, was das spätere Einrenken erleichtert.
  • Menschen mit habituellen Schulterluxationen (seltener mit Kniescheibenluxation) sind oft in der Lage, ihr Gelenk mit bestimmten Bewegungen selbst wieder einzurenken.
  • Beim Sport gilt es auf persönliche Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen, insbesondere auf den Trainingszustand, die Erholungsfähigkeit sowie bestehende Krankheiten. Entsprechend sollten Trainingsgestaltung und Ausrüstung angepasst werden.

Wann braucht es den Arzt

Den Arzt braucht es bei jedem Verdacht auf eine neu entstandene Luxation. Je schneller der Zustand behoben wird, desto weniger gravierend sind in der Regel die Komplikationen und umso besser ist die Prognose.

Bei traumatischer Luxation wird mit Röntgenaufnahmen abgeklärt, ob eine zusätzliche Fraktur vorliegt. Unerlässlich ist die Prüfung, ob durch den Unfall selbst Nerven beschädigt wurden. Das Einrenken grosser Gelenke erfordert eine Narkose; bei Finger- und Zehengelenken geht dies in lokaler Anästhesie. Anschliessend wird der Gliedabschnitt für einige Tage mit einem starren Verband ruhig gestellt.

Nach Entfernen des Fixationsverbands beginnen vorsichtige Übungen, damit die Gelenkkapsel nicht schrumpft und keine Bewegungseinbusse zurück bleibt. Das Risiko einer Sudeck-Dystrophie muss im Auge behalten werden. Entsprechend schonungsvoll und vor allem schmerzarm soll die Rehabilitation des Gelenks erfolgen.

Bei habituellen und bei paralytischen Luxationen ist oft ein operativer Eingriff zum Verhindern weiterer Ausrenkungen nötig. Dieser kann teilweise arthroskopisch (minimal-invasiv) erfolgen. Auch hier ist anschliessend intensive Physiotherapie nötig.

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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