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Windpocken, Wilde Blattern

Fachbegriff: Varizellen

Die Windpocken sind eine sehr ansteckende Infektionskrankheit. Sie zählen zu den Kinderkrankheiten, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem 1. und 9. Lebensjahr. Erwachsene erkranken selten (ca. 4% aller Windpockenerkrankungen), aber oft schwer. Typisch ist der stark juckende Ausschlag mit Flecken und Bläschen, die später eintrocknen und verkrusten.

Der Erreger gehört zur Familie der Herpesviren, wird also wie alle Herpesviren nach einer Infektion nicht aus dem Körper eliminiert, sondern verbleibt lebenslang in Nervenzellen. Werden die Viren später erneut aktiv (Reaktivierung), entstehen nicht wieder Windpocken, sondern es kommt zur Gürtelrose (Zoster).

Die Krankheit ist seit dem frühen Mittelalter bekannt, aber erst seit 1875 ist gesichert, dass sie durch eine Infektion verursacht wird. Damals gelang es, mit Bläscheninhalt experimentell Varizellen auf gesunde Menschen zu übertragen.

Ursache

Windpocken und Gürtelrose werden durch das gleiche Herpesvirus verursacht, das deshalb den Doppelnamen Varizellen-Zoster-Virus (VZV) trägt. Dieser Erreger ist bei Erstkontakt hochgradig ansteckend. Wer auch nur in flüchtigen Kontakt mit Erkrankten kommt, wird fast immer infiziert. Dies geschieht durch:

  • Tröpfcheninfektion, also Niesen, Husten, im Weiteren durch Luftbewegungen, Wind, und zwar über grosse Distanzen hinweg – daher der Name Windpocken.
  • Schmierinfektion: Sie ist seltener und geschieht durch Nasen- oder Rachensekret oder durch Kontakt mit Bläscheninhalt von Patienten, die an Varizellen oder Gürtelrose erkrankt sind. Mit einer Ansteckung durch Kleider oder Spielzeug muss hingegen nicht gerechnet werden.

Die Möglichkeit, andere Menschen anzustecken, besteht schon ein bis vier Tage bevor der Hautausschlag auftritt und endet ca. fünf Tage nach dessen Beginn. Krusten sind im Gegensatz zum Bläscheninhalt nicht infektiös. Nach durchgemachter Krankheit besteht eine lebenslange Immunität gegen Varizellen, nicht aber gegen Gürtelrose.

Das Krankheitsbild

Zwei bis drei Wochen nach der Infektion beginnt die Haut zu jucken. Am Kopf, besonders im Gesicht, und am Rumpf bilden sich linsengrosse, rote Flecken und Knötchen, die sich innerhalb von Stunden in Bläschen verwandeln, die von einem roten Hof umgeben sind. Die Bläschen sind mit einer wässerigen, später trüben Flüssigkeit gefüllt, die Viren enthält und deshalb ansteckend ist. Auch Arme und Beine, die Schleimhäute im Mund und Genitalbereich sind vom Ausschlag betroffen, seltener die Augen. Handflächen und Fusssohlen bleiben in der Regel ausgenommen. Es treten individuell unterschiedlich viele Bläschen auf – ein paar wenige bis hunderte –, nur in weniger als einem Drittel der Fälle fehlt der Ausschlag vollständig. Wenn wegen des heftigen Juckens gekratzt wird, besteht die Gefahr einer zusätzlichen bakteriellen Infektion (Superinfektion) mit dem Risiko, dass bleibende Narben entstehen.

Da die Krankheit schubweise verläuft, findet man auf der Haut gleichzeitig alle Stadien von Flecken, Knötchen und Bläschen nebeneinander („Sternenhimmel“). Die Bläschen trocknen rasch aus, verkrusten und heilen schliesslich innerhalb von ein bis zwei Wochen. Allgemeinsymptome sind Kopf-, Kreuz- und Gliederschmerzen sowie mässiges Fieber, oft schwellen Lymphknoten an. Der Allgemeinzustand ist jedoch bei Kindern meist wenig beeinträchtigt.

Komplikationen

  • Schwere Krankheitsverläufe und insbesondere Komplikationen sind im Kindesalter selten, gewöhnlich heilt die Krankheit also folgenlos aus. Bei Säuglingen und jenseits des 30. Lebensjahrs sind jedoch komplizierte Verläufe häufig. Die Sterblichkeit bei Erwachsenen ist gemäss BAG-Angaben 40 Mal höher als bei Kindern.
  • Lebensgefährdende Komplikationen sind Lungen-, Hirnhaut- und Hirnentzündung; seltener sind Leber- oder Nierenentzündung, Arthritis und Herzmuskelentzündung. Ein Befall vieler Organe wird bei Immundefekt beobachtet, die Sterblichkeit ist dann hoch.
  • Bei Schwangeren sind schwere Verläufe mit Lungenentzündung und Todesgefahr möglich. Daneben verursachen Windpocken in der Frühschwangerschaft vereinzelt Missbildungen des Embryos oder Feten. Wenn sich die Mutter später infiziert, insbesondere kurz vor oder nach dem Geburtstermin, kann das Neugeborene schwer erkranken, da es nicht durch Abwehrkörper (Antikörper) der Mutter geschützt und sein eigenes Immunsystem noch unreif ist.
  • Wenn wegen des Juckreizes heftig gekratzt wird, vereitern die Bläschen und es kommt zu hässlichen Hautnarben.

Was man selbst tun kann

Neben allenfalls vom Arzt verschriebenen Medikamenten lindern Hausmittel den Juckreiz.

  • Kühlen mit kalten Güssen; kühlende Umschläge mit Quark oder Joghurt.
  • Mit Schmierseifenwasser abwaschen oder mit Essigwasser abtupfen (wenig Essig mit kaltem Wasser mischen).
  • Mit Puder oder Zinkschüttelmixtur kann das Austrocknen der Bläschen beschleunigt werden.
  • Enge Kleidung meiden, sie fördert den Juckreiz, ebenso Schweiss.
  • Die Fingernägel möglichst kurz schneiden und gegebenenfalls leichte Handschuhe anziehen.

Kinder, die an fiebrigen Erkrankungen leiden, sollen nicht mit Salicylaten (Acetylsalicylsäure enthaltende Medikamente) behandelt werden. Während fiebriger Varizellenerkrankung verabreichte Salicylate können bei Kindern eine zwar seltene, aber lebensgefährliche Komplikation, das Reye-Syndrom, auslösen.

Wann braucht es den Arzt

Eine ärztliche Behandlung ist nur dringend, wenn Komplikationen auftreten oder wenn Schwangere, Kleinkinder, alte Menschen oder Immungeschwächte erkranken.

Die Diagnose kann gewöhnlich anhand der Symptome gestellt werden. Daneben existieren verschieden Bluttests und bei Bedarf lässt sich das Virus in Bläscheninhalt oder in anderen Materialien mit speziellen Untersuchungsmethoden nachweisen.

Therapie

Schwangere und abwehrgeschwächte Personen, die noch keine Windpocken hatten, oder Kinder mit schwerer Neurodermitis können nach Kontakt mit einem Erkrankten vorsichtshalber geschützt werden, indem so rasch als möglich Varizella-Zoster-Immunglobulin (Heilserum, passive Immunisierung) gespritzt wird – gegebenenfalls zusätzlich zur Impfung, s. unten.

Wenn Immungeschwächte oder Neugeborene erkranken und bei schwerem Verlauf im Erwachsenenalter werden Medikamente gegeben, welche die Vermehrung der Viren verhindern (Virostatika). Mit der Therapie muss unverzüglich begonnen werden, eine Hospitalisation ist erforderlich.

Vorbeugen

Windpocken sind äusserst ansteckend, weshalb gefährdete Nicht-Immune geschützt werden müssen. Schwangere, die ihren Immunstatus nicht kennen, sollten sich nach Kontakt mit dem Virus vorsichtshalber beim Arzt melden. Wenn die Mutter in der Frühschwangerschaft an Varizellen erkrankt, ist das Risiko von Missbildungen beim Embryo oder Fetus zwar gering, es lässt sich jedoch nicht gänzlich ausschliessen. Bei einer Infektion kurz vor dem errechneten Geburtstermin wird in der Regel versucht, die Geburt hinauszuzögern

Impfung

  • Jugendliche und Erwachsene: Das BAG empfiehlt das Impfen von nicht-immunen Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren und ebenso von Erwachsenen, die keine Windpocken durchgemacht haben. Es wird zweimal im Abstand von vier oder mehr Wochen geimpft (Injektion).
    Ein Impfstoff kann auch verwendet werden, um Personen vor einer Erkrankung zu schützen, wenn die Infektion kürzlich erfolgte (vor drei, max. fünf Tagen) und ein Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht.
  • Kinder: Die Impfung wird empfohlen für Kinder mit Neurodermitis, Immunschwäche oder bösartigen Tumoren (besonders Leukämie), evtl. auch für die Eltern und Geschwister.

Weiterführende Informationen, Adressen

Autoren: Dr. med. Ute Hopp, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler
Abbildungen: Herr Eduard Imhof, PD Dr. med. Jürg Baltensweiler

aktualisiert am: 11.04.2016

 
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