Digitale Pille: Wie kann sie im Alltag helfen?

Digitale Pillen: Wie helfen sie im Alltag?

Die Digitalisierung verändert auch das Gesundheitswesen. Die Verheissungen sind gross, doch was haben Patienten und CSS-Versicherte davon? Prof. Dr. Tobias Kowatsch forscht als wissenschaftlicher Leiter des CSS Health Lab am Zentrum für digitale Gesundheitsinterventionen der ETH Zürich und Universität St. Gallen an der digitalen Pille und nimmt Stellung dazu.

Prof. Dr. Tobias Kowatsch, wie digital sind Sie?

Ich hänge schon ziemlich an der Technik. Das ist aber auch jobbedingt. Wie bei Marie Curie, die aufgrund ihrer Forschung mit radioaktiver Strahlung zu tun hatte, bin ich quasi gezwungen, stets die neuesten digitalen Trends auszuprobieren.

Sie leiten das Zentrum für digitale Gesundheitsinterventionen (CSS Health Lab). Was machen Sie da?

Meine Hauptaufgabe ist, Forschung zu betreiben. Dazu spreche ich mit Dachverbänden im Bereich Medizin, mit Patientenorganisationen, mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG), mit Gesundheitsförderung Schweiz und natürlich auch direkt mit Patienten und Ärzten. Ich höre zu und nehme Bedürfnisse auf. Im Health Lab führen wir die Welt der Technologie mit den Anforderungen und Problemen, welche die Ärzte und Patienten in den Diskussionen aufbringen, zusammen. Wir bringen unser Wissen ein und prüfen, was technisch möglich und alltagstauglich ist. Als Leiter des Health Lab identifiziere ich zudem Projekte im Bereich zukünftige digitale Therapien und unterstütze die Studenten bei der Umsetzung. Ich betreue die entsprechenden Dissertationen und wissenschaftliche Publikationen, die enorm wichtig sind, damit auch andere von unseren Studien profitieren.

Bei Digitaler Gesundheit, Digital Health, geht es um mehr als das elektronische Patientendossier oder Gesundheits-Apps. Was steckt dahinter?

Digital Health ist ein übergeordneter, sehr breiter Begriff. Im Health Lab stellen wir uns immer folgende Frage: Wie lässt sich Technologie im Alltag der Patienten für Therapie oder Prävention einsetzen? Konkret meldet sich das Smartphone oder eine andere Alltagstechnologie rechtzeitig, wenn ein kritischer Gesundheitszustand wie beispielsweise eine Asthmaattacke droht. Solche digitalen Helfer nennen wir digitale Pillen.

Wie wirken diese digitalen Pillen?

Während herkömmliche Pillen einen chemischen Prozess im Körper starten, zielen digitale Pillen auf das Verhalten der Menschen ab: Patienten sollen ihren Alltag mit einer Krankheit selbstständig besser managen und für die Gesundheit kritische Ereignisse früher erkennen können. Gerade Asthmatiker, Diabetiker oder andere chronisch Erkrankte können ihre Lebensqualität durch ihr Verhalten stark verbessern. Digitale Pillen sind beispielsweise Apps auf dem Smartphone. Es können aber auch andere Alltagstechnologien wie der TV, das Auto, Lautsprecher oder die PC-Maus genutzt werden.

Gibt es konkrete Beispiele für den Einsatz solcher Alltagstechnologien?

In einem Forschungsprojekt messen wir beispielsweise den Stresslevel darüber, wie Nutzer ihre PC-Maus bewegen. Oder wir arbeiten an einem Frühwarnsystem, welches Asthmatikern helfen soll, rechtzeitig zu erkennen, wann ein Asthmaanfall bevorsteht. Mithilfe des Smartphones versuchen wir, nächtliches Husten zu erkennen und das als Grundlage für dieses Frühwarnsystems zu verwenden.

Das funktioniert aber nur, wenn die Patienten die digitalen Pillen tatsächlich nutzen, richtig?

Das stimmt. Viele Apps werden einmal gestartet und dann nie wieder. Das war lange Zeit Kern unserer Forschung: Wie schaffen wir es, dass die Patienten nicht nur drei Tage, sondern mehrere Monate oder Jahre bei einer solchen digitalen Therapie dranbleiben?

Und haben Sie die Antwort darauf gefunden?

Man muss verstehen, wie Menschen mit Technologie interagieren, und es ihnen möglichst einfach machen. Heute nutzt jeder WhatsApp, vom jungen Patienten bis hin zur Oma. Alle wissen, wie man chattet. Deshalb funktionieren digitale Pillen, die analog WhatsApp aufgebaut sind, besonders gut. Ein digitaler Coach chattet mit dem Patienten, gibt ihm Tipps oder fordert ihn oder ein Familienmitglied zu aktivem Handeln auf, wenn ein kritischer Gesundheitszustand naht. Über einen zweiten Chatkanal kann sich der Patient auch mit seinem Arzt austauschen.

Welche Rolle spielen die Ärzte in diesen digitalen Therapien?

Eine sehr grosse Rolle. Es ist wichtig, dass die Einführung einer solchen Therapie in den sozialen Kontext eingebettet ist. So schafft man Vertrauen. Idealerweise verschreibt der Arzt die digitale Pille im Rahmen seiner Sprechstunde. Er übergibt beispielsweise eine Visitenkarte mit einem QR-Code für den App-Download. Der Arzt stellt die Technik als seinen digitalen Helfer vor, der den Patienten in seinem Alltag unterstützt – quasi als verlängerter Arm des Gesundheitssystems.

Was halten die Ärzte davon?

Es gibt bereits viele Ärzte, die den Nutzen dieser digitalen Pillen sehen. Wir verzeichnen immer mehr chronische Krankheiten, die eine komplett andere Betreuungsform erfordern. Diabetes oder Adipositas kommen schleichend. Es geht um Lebensstil. Eigentlich müssten die Ärzte ihre Patienten in ihrem Alltag unterstützen. Die Sprechstundensituation reicht aber nicht aus, um das zu adressieren. Die digitale Pille als verlängerter Arm des Arztes im Alltag des Patienten ist auch für die Ärzte eine neue Chance zur Beziehungspflege.

Haben Sie selbst einen medizinischen Hintergrund?

Nein, ich habe zuerst Medieninformatik studiert, wo Wirtschaft, Gestaltung und Technik im Vordergrund standen. Danach habe ich ein Wirtschaftsinformatikstudium mit Fokus Gesundheitsökonomie gemacht. Während meiner Dissertation an der Universität St. Gallen habe ich viel Zeit im Ostschweizer Kinderspital verbracht. Ich hatte das starke Bedürfnis, etwas im Gesundheitsbereich zu machen. Ich wollte mit Technologie Menschen helfen. Ich glaube, das ist ein tolles Ziel, und das motiviert mich maximal.

Was raten Sie unseren Versicherten hinsichtlich digitaler Pillen?

Ich rate, sich aktiv damit auseinanderzusetzen und sie gleichzeitig auch kritisch zu hinterfragen. Wer als Patient eine digitale Pille verschrieben bekommt oder sie als Nutzer selbst im App-Store runterlädt, sollte sich fragen: Gibt es Studien, die gezeigt haben, dass die digitale Pille funktioniert? Wie und wo werden meine Daten gespeichert? Wenn die digitale Therapie validiert und sicher ist, können die Nutzer profitieren und damit im besten Fall ihre Lebensqualität steigern.

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