Erste Pandemie-Welle: Bis anhin wenig Nach­hol­effekte bei Be­handlung­en und vermehrte Nachfrage bei Medikamenten

Die erste Welle der Covid-19-Pandemie hat bei der CSS einen Kosten­rückgang von 246,4 Mio. Franken in der Grundversicherung verursacht. Die einzelnen Leistungserbringer sind unterschiedlich stark vom Rückgang betroffen. Die Daten zeigen: Nachholeffekte traten vorerst kaum ein. Die erste Welle der Pandemie hat die Nachfrage seitens der Patienten nicht verändert. Einzige Ausnahme: vor dem Lockdown kam es zu einer vermehrten Nachfrage bei Medikamenten (wissenschaftliche Auswertung des Lockdowns auf die Gesundheits­kosten).

Vor fast genau einem Jahr verordnete der Bundesrat die ersten Lockdown-Massnahmen, darunter einen Behandlungsstopp. Zu welchen Umsatzeinbussen führte dies bei den unterschiedlichen Leistungserbringern? Wie wirkten sich die Massnahmen auf den Verkauf von Medikamenten und auf Präventionsuntersuchungen aus? Diese Fragen analysierte das CSS Institut für empirische Gesundheitsökonomie im Rahmen des ersten wissenschaftlichen Berichts zu den Kosten der ersten Welle.

Physiotherapeuten und Chiro­praktoren am stärksten betroffen

Der Vergleich der tatsächlichen mit den erwarteten Gesamtkosten zeigt: die erste Pandemie-Welle führte bei der CSS zu einem Kostenrückgang von 246,4 Mio. Franken (-22,4%) für die Wochen 12 bis 21. In allen Sprachregionen zeigt sich ein ähnliches Bild. Allerdings sind die einzelnen Leistungserbringer unterschiedlich stark betroffen. Die durch die Grundversorger erbrachten Leistungen brechen um insgesamt 22,7 Mio. Franken ein (-19,1%). Bei den Spezialisten fällt der Einbruch mit 46,9 Mio. Franken (-27,8%) noch ausgeprägter aus. Die grössten Spuren hinterlässt die erste Welle aber bei Physiotherapeuten und Chiropraktoren. Sie müssen einen Rückgang von insgesamt 19,7 Mio. Franken hinnehmen, was rund der Hälfte des Behandlungsvolumens (-47,6%) für die erste Welle entspricht und 9,2% des Jahresumsatzes. Die Auswertungen der ersten Welle lassen keine abschliessenden Aussagen zum Kostenverlauf des Jahres 2020 zu. Entscheidend wird das letzte Quartal sein. Erste Auswertungen deuten darauf hin, dass der Trend zur Abnahme nicht anhält.

Verlauf Gesamtkosten ganze Schweiz – CSS
Verlauf Gesamtkosten ganze Schweiz – CSS
Abweichung der tatsächlichen Gesamtkosten in der obligatorischen Grundversicherung von den erwarteten Kosten von Januar bis September 2020. Die Darstellung basiert auf Zahlen der CSS Gruppe. Hellgrau schatiert: Zeiträume mit relevanten regulatorischen Massnahmen gegen die COVID-19 Pandemie auf eidgenössicher Ebene; Dunklerer Bereich: Lockdown im Frühling 2020.

Rund ein Fünftel weniger Spital­behandlungen

Gesamthaft verzeichneten die Spitäler 8’580 weniger Hospitalisationen während den Wochen 12 bis 21, was einer Senkung von 27,3% entspricht. Ohne COVID-19 Hospitalisationen wäre diese Zahl noch tiefer ausgefallen. Im Zeitraum von Januar bis September kam es zu 1'814 COVID-19 bedingten Hospitalisationen. Die Kosten pro COVID-19-Fall liegen mit rund 8’000 Franken deutlich über den Durchschnittskosten von 4’900 Franken. Am Ende der ersten Welle lag der Kostenrückgang in der Grundversicherung bei 48,3 Mio. Franken (-22,3% ). Um ein vollständiges Bild der Umsatzeinbussen zu erhalten, müssten die Einkünfte der Zusatzversicherung ebenfalls in die Betrachtung miteinbezogen werden. Sie sind jedoch nicht Teil dieser Studie. Zudem beteiligen sich die Kantone zu mindestens 55% an den Kosten für stationäre Behandlungen.

Keine unmittelbaren Nachholeffekte bei Behandlungen nach dem Lockdown

Von wenigen Fällen abgesehen, kommt es in den Wochen und Monaten nach dem Lockdown weder im ambulanten noch im stationären Bereich zu Nachholeffekten. Der Hauptgrund für den Rückgang der Gesundheitskosten (insbesondere in den Wochen 12 bis 18) scheinen die bundesrätlichen Massnahmen zu sein. «Unsere Daten lassen keine Verhaltensänderungen in der Nachfrage von Behandlungen erkennen. Die einzige Verhaltensänderung ist eine erhöhte Nachfrage nach Medikamenten vor dem harten Lockdown» stellt Christian P.R. Schmid, Leiter des CSS Institut, fest.

Verstärkte Nachfrage bei Medikamenten

Bei den Medikamenten zeigt sich während und nach dem Lockdown gesamthaft ein Rückgang von insgesamt 33,7 Mio. Franken, was rund 15,6% entspricht. Der Rückgang ist damit leicht tiefer als bei den Gesamtkosten (-22,4%). In den letzten beiden Wochen vor dem Lockdown schnellte die Nachfrage um maximal 27,0% in die Höhe. Dies gilt sowohl für Medikamente, die bei chronischen Krankheiten eingesetzt werden als auch für Medikamente gegen akute Beschwerden. «Die Gründe für dieses Verhalten sind noch nicht restlos geklärt. Die Nachfrage könnte auch durch die Medienberichte zu Lieferschwierigkeiten aus China angeheizt worden sein» sagt Christian P.R. Schmid.

Einbruch der Prävention

Bei der Darmkrebs- und Brustkrebsprävention sinken die Zahlen der Untersuchungen im Lockdown um 45,9 bzw. 65%. Bei der Brustkrebsvorsorge kam es im Sommer zu einem kleinen Nachholeffekt. Damit wurde bis Ende September ca. ein Zehntel des Rückgangs ausgeglichen. Während den ersten neun Monate 2020 lag die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen um 14,2 bzw. 16,6% tiefer als im Vorjahr. Zukünftige Forschungsarbeiten werden aufzeigen müssen, welche Konsequenzen die Reduktion bzw. Verzögerung von Präventionsuntersuchungen nach sich zieht.

Keine abschliessende Betrachtung

In den ersten neun Monaten des letzten Jahres lagen die Kosten deutlich unter den Erwartungen. Entscheidend wird jedoch das vierte Quartal sein. Erste Auswertungen legen nahe, dass zum Ende des Jahres eine Kostensteigerung einsetzt. Die CSS erwartet, dass ihre Leistungskosten auf etwa demselben Niveau wie 2019 liegen werden. «Die vorliegende Auswertung wirft jedoch weitere Fragen auf: Welche langfristigen Veränderungen in der Gesundheitsnachfrage sind zu beobachten? Entstehen neue Krankheitsbilder, nehmen psychische Krankheiten zu? Diesen und anderen Fragen wird sich das CSS Instituts annehmen und weitere wissenschaftliche Erkenntnisse in die Diskussion einbringen» sagt Christian Schmid. Eine Übersicht des gesamten Jahres 2020 wird voraussichtlich im Herbst zur Verfügung stehen.

Verlauf ambulante Kosten (Grundversorger) – CSS
Verlauf ambulante Kosten (Grundversorger) – CSS
Die Grafik zeigt für die Monate Januar bis September 2020 die Abweichung der tatsächlichen Gesamtkosten in der obligatorischen Grundversicherrung von den erwarteten Kosten, sowohl für die Grundversorger wie auch die Spezialisten mit eigener Praxis. Die Darstellung basiert auf Zahlen der CSS Gruppe. Hellgrau schatiert: Zeiträume mit relevanten regulatorischen Massnahmen gegen die COVID-19 Pandemie auf eidgenössicher Ebene; dunklerer Bereich: Lockdown im Frühling 2020.
Verlauf ambulante Kosten (Spezialisten) – CSS
Verlauf ambulante Kosten (Spezialisten) – CSS
Die Grafik zeigt für die Monate Januar bis September 2020 die Abweichung der tatsächlichen Gesamtkosten in der obligatorischen Grundversicherrung von den erwarteten Kosten, sowohl für die Grundversorger wie auch die Spezialisten mit eigener Praxis. Die Darstellung basiert auf Zahlen der CSS Gruppe. Hellgrau schatiert: Zeiträume mit relevanten regulatorischen Massnahmen gegen die COVID-19 Pandemie auf eidgenössicher Ebene; dunklerer Bereich: Lockdown im Frühling 2020.
Verlauf stationäre Kosten (Grundversicherung) – CSS
Verlauf stationäre Kosten (Grundversicherung) – CSS
Abweichung der tatsächlichen Gesamtkosten in der obligatorischen Grundversicherung von den erwarteten Kosten im stationären Bereich von Januar bis September 2020. Die Darstellung basiert auf Zahlen der CSS Gruppe. Hellgrau schatiert: Zeiträume mit relevanten regulatorischen Massnahmen gegen die COVID-19 Pandemie auf eidgenössicher Ebene; Dunklerer Bereich: Lock-down im Frühling 2020.

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