Phytobiotika als natürliche Antibiotika? Faktencheck zu Wirkung, Nutzen & Risiken
Phytobiotika sind als natürliche Antibiotika bekannt. Sie sollen die Verdauung, das Immunsystem und den Stoffwechsel unterstützen sowie entzündungshemmend wirken. Oft sind damit Extrakte aus Kräutern, Gewürzen oder anderen Pflanzen gemeint. Doch was genau steckt hinter dem Begriff und was ist wissenschaftlich wirklich gut belegt?
Häufige Fragen zu Phytobiotika
Mit dem Begriff «Phytobiotika» sind pflanzliche, bioaktive Substanzen gemeint. In der Wissenschaft wird der Begriff häufig auch in der Tierernährung als «phytogenic feed additives» (phytogene Futtermittelzusatzstoffe) verwendet. Für die Anwendung bei Menschen sprechen wir oft von «sekundären Pflanzenstoffen».
Phytobiotika wirken vor allem über den Darm: Pflanzliche Inhaltsstoffe können Darmbakterien und deren Stoffwechselprodukte positiv beeinflussen.
Nein. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, Präbiotika sind unverdauliche Nahrungsbestandteile (z.B. bestimmte Nahrungsfasern), die Darmbakterien als Nahrung dienen. Phytobiotika sind dagegen Pflanzenstoffe – teils mit antimikrobiellen oder entzündungshemmenden Eigenschaften.
Phytobiotika sind keine lebensnotwendigen Nährstoffe wie Vitamine oder Mineralstoffe. Es sind Pflanzenstoffe, die im Körper etwas bewirken können – aber man braucht sie nicht zwingend, um gesund zu bleiben.
Phytobiotika kommen in pflanzlichen Lebensmitteln vor: Gemüse, Früchte, Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide, Nüsse sowie Kräuter, Tee oder Gewürze.
Nahrungsergänzungsmittel in Form von Kapseln und Extrakten enthalten zwar oft höhere, genau dosierte Mengen. Aber ob und wie stark sie wirken, hängt vom jeweiligen Stoff, der Dosis und der Dauer der Einnahme ab. Zudem stammen viele Erkenntnisse aus Labor- und Tierstudien und lassen sich nicht direkt auf uns Menschen übertragen.
Bei hoch dosierten Extrakten ist Vorsicht sinnvoll – besonders bei Medikamenten, Schwangerschaft / Stillzeit und bestehenden Erkrankungen.
Phytobiotika: Was ist das?
Der Begriff «Phytobiotika» ist nicht klar definiert oder geschützt. In der wissenschaftlichen Literatur wird er meist für pflanzliche Zusätze in der Tierernährung genutzt: Extrakte oder ätherische Öle, die beispielsweise die Verwertung des Futters, die Darmgesundheit oder eine Anfälligkeit für Infekte beeinflussen können.
Für die Verwendung bei Menschen wird häufiger der Begriff sekundäre Pflanzenstoffe verwendet. Bei Menschen gibt es – je nach Substanz – sehr unterschiedliche Wirkungen.
Möglich Wirkung von Phytobiotika auf die Darmgesundheit
Ein grosser Teil der möglichen Wirkungen von Phytobiotika finden im Zusammenhang mit unserem Darm statt. Viele pflanzliche Substanzen werden bei der Verdauung nicht vollständig im Dünndarm aufgenommen und gelangen so in den Dickdarm. Dort können sie mit Darmbakterien interagieren und so die Zusammensetzung des Darmmikrobioms beeinflussen. Ein stabiles und vielfältiges Darm-Mikrobiom wird mit einer guten Gesundheit in Verbindung gebracht. Hier steht die Wissenschaft aber noch am Anfang.
Effekte von Phytobiotika und Beispiele
Ausser für die Darmgesundheit werden für manche Phytobiotika noch weitere Effekte diskutiert. Dies jedoch meist als Hinweise und nicht als gesicherte Wirkungen.
- Polyphenole (z.B. Flavonoide aus Beeren, Kakao, Tee): Diese wirken als Antioxidantien (Zellschutz), können Entzündungen hemmen und das Herz-Kreislauf-System unterstützen.
- Carotinoide (z.B. Beta-Carotin aus Rüebli, Lycopin aus Tomaten): Können als Antioxidantien wirken und Zellen vor oxidativem Stress schützen.
- Glucosinolate / Isothiocyanate (z.B. in Kohl, Brokkoli): Gehören zu den Bitterstoffen, prägen den bitteren Geschmack und werden aufgrund ihrer möglichen zellschützenden Effekte erforscht.
- Schwefelhaltige Pflanzenstoffe (z.B. in Knoblauch / Zwiebeln): Hier gibt es Hinweise auf antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften sowie mögliche Effekte auf den Blutdruck und Blutfettwerte.
- Terpene / ätherische Öle (z.B. in Kräutern wie Thymian, Oregano, Pfefferminze): Zeigen in Laborstudien oft antimikrobielle oder krampflösende Effekte.
- Tannine (z.B. in Tee, Kakao, Hülsenfrüchten): Können antioxidativ wirken, gleichzeitig aber auch die Aufnahme bestimmter Mineralstoffe (z.B. Eisen) beeinträchtigen.
- Lignane (z.B. in Leinsamen, Sesam, Vollkorn): Besitzen starke antioxidative Eigenschaften und haben ausserdem eine hormonähnliche Wirkung. Zusätzlich wirken sie beruhigend.
Phytobiotika als natürliche Antibiotika?
Phytobiotika werden manchmal als «natürliche Antibiotika» beworben. Das ist missverständlich. Zwar zeigen einzelne Pflanzenstoffe antimikrobielle Eigenschaften. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass sie dieselbe Wirkung wie Antibiotika besitzen (z.B. bei der Behandlung von Infektionen oder bestehenden Erkrankungen beim Menschen). Daher sollte ein ärztlich verordnetes Antibiotikum auf keinen Fall durch Phytobiotika, Kräuterextrakte oder andere «natürliche» Mittel ersetzt werden.
Pflanzliche Stoffe als Ergänzung zu Antibiotika
In Laborstudien zeigen einige pflanzliche Stoffe zusammen mit Antibiotika teils eine verstärkte Wirkung. Daher wird erforscht, ob und wie sie die Wirkung von Antibiotika unterstützen können. Hier ist jedoch noch mehr Forschung notwendig.
Phytobiotika in unseren Lebensmitteln
Eine Ernährung reich an Früchten, Gemüse, Vollkornprodukten und Kräutern liefert eine Vielzahl an sekundären Pflanzenstoffen. Im Rahmen einer gesunden Lebensweise können sie so zur Gesundheit beitragen. Ob spezifische Phytobiotika darüber hinaus einen besonderen, individuellen Nutzen entfalten, bleibt ein Gegenstand laufender Forschung.
Wer «Phytobiotika» sinnvoll einsetzen möchte, muss nicht zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen. Eine pflanzenbetonte, abwechslungsreiche und gesunde Ernährung mit viel buntem Gemüse und Früchten, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, hochwertigen Nüssen sowie reichlich Kräutern und Gewürzen liefert viele sekundäre Pflanzenstoffe in alltagstauglichen Mengen.
Wann ist bei der Einnahme Vorsicht geboten?
Auch wenn Phytobiotika aus Pflanzen gewonnen werden, sind sie keine harmlosen «Naturheilmittel». Gut belegt ist beispielsweise, dass bestimmte Pflanzenstoffe oder Produkte die Wirkung von Arzneimitteln abschwächen oder verstärken können. Die Einnahme von hoch dosierten Kräuter- und Pflanzenextrakten sollten Sie in folgenden Fällen mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin absprechen:
- wenn Sie gleichzeitig Medikamente einnehmen
- bei Schwangerschaft oder in der Stillzeit
- bei chronischen Erkrankungen
Quellen
- Department of Biotechnology, Microbiology and Human Nutrition, Faculty of Food Science and Biotechnology, University of Life Sciences in Lublin: Plant-Derived Phytobiotics as Emerging Alternatives to Antibiotics Against Foodborne Pathogens
- Frontiers in Veterinary Science: Cutting-edge knowledge on the roles of phytobiotics and their proposed modes of action in swine
- Frontiers in Veterinary Science: A comprehensive review of probiotics and human health-current prospective and applications
- Phytomedicine: Interactions between gut microbiota and polyphenols: A mechanistic and metabolomic review