Gruppencoaching: Warum das Gemeinsame so wirksam ist
Stress, Anspannung oder Ängste belasten viele von uns. Wer alles allein trägt, fühlt sich oft isoliert. In der Gruppe entsteht Entlastung: Austausch, Gemeinschaft und neue Perspektiven helfen, Belastungen zu teilen und leichter zu bewältigen.
In der Gruppe Hilfe finden
Rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung ist von psychischen Problemen betroffen. Die Chancen also, dass wir im Laufe unseres Lebens seelisch Unterstützung benötigen, sind sehr hoch. Doch wie und wo? Viele entscheiden sich für eine Einzeltherapie oder versuchen, ihre Probleme alleine zu lösen. Das kann sehr sinnvoll sein. Und doch vergessen wir oft eine dritte Möglichkeit, mit unserem Leiden konstruktiv umzugehen: das Coaching in der Gruppe.
Warum Gruppencoaching wirkt
Denn wo es manchmal sinnvoll ist, Zeit und Raum für sich zu haben und ein spezifisches Gegenüber, mit dem wir individuell arbeiten können, so sind wir gleichzeitig soziale Wesen. Evolutionsbiologisch waren wir schon immer darauf ausgerichtet, in der Gruppe zu leben und zu überleben. Fühlen wir uns in einem Gruppensetting wohl und aufgehoben, entfaltet dieses eine ungeahnte Kraft: Wir fühlen uns getragen, gesehen, gespiegelt.
Gefühl von Zugehörigkeit
Gerade diese Gemeinschaft macht Gruppencoachings so wertvoll. Wer sich lange allein mit seinen Sorgen gefühlt hat, erfährt: Ich bin nicht die Einzige / der Einzige, dem es so geht. Dieses Gefühl von Zugehörigkeit nimmt Scham, stärkt das Selbstwertgefühl und eröffnet neue Perspektiven.
Kombination aus Gruppentherapie und Einzelsitzung
Dazu kommt der praktische Aspekt: Mehrere Menschen teilen sich eine Sitzung, was Ressourcen schont und den Zugang erleichtert. Viele Anbieter kombinieren deshalb Einzel- und Gruppensettings – ein erstes Gespräch klärt die persönliche Situation, bevor die gemeinsame Arbeit in der Gruppe beginnt. Für viele ist das eine niedrigschwellige, wirksame und nachhaltige Möglichkeit, Belastungen im Alltag anzugehen.
Isolation und Scham
Denn wo Isolation und Scham trennen und oft die Negativspirale verstärken, kann die Gruppe helfen, zu erkennen: Das, was ich fühle und erfahre, hat gute Gründe. Ich bin nicht allein damit. Und ich erfahre anhand der anderen Biografien, was helfen kann, sich besser zu fühlen und neue Arten des Umgangs zu finden. Denn wer gemeinsam gecoacht wird, leidet nicht bloss gemeinsam – sondern kann sich auch gegenseitig inspirieren, helfen und neu ausrichten.
Was Studien zeigen
Wissenschaftlich untersucht ist vor allem die Gruppentherapie. Eine Meta-Analyse von McRoberts, Burlingame & Hoag (1998) beispielsweise zeigt, dass Gruppentherapie bei vielen Themen genauso wirksam sein kann wie Einzeltherapie. Besonders bei Depressionen, Ängsten und Stressbewältigung profitieren Patientinnen und Patienten stark.
Psychische Belastungen reduzieren
Studien belegen, dass Gruppensettings die psychische Belastung im Durchschnitt spürbar reduzieren – und zwar nicht nur im Vergleich vor und nach einer Behandlung, sondern auch im direkten Vergleich mit Einzelgesprächen. Auch in der Schweiz wird dazu geforscht: von körperorientierten Gruppensettings bis hin zu explorativen Studien über Struktur und Ausrichtung.
Soziale Unterstützung nutzen
Gruppencoachings sind zwar keine Therapie im engeren Sinn, nutzen aber die gleichen sozialen Wirkmechanismen, die in den Studien beschrieben werden: Die Gruppe bietet soziale Unterstützung, verstärkt Motivation und fördert nachhaltige Veränderungen – weil der Austausch über Erfolge und Rückschläge realistisch bleibt.
Vorteile von Gruppentherapie auf einen Blick
- Gefühl von Gemeinschaft : Niemand ist mit seinen Sorgen allein, das Gefühl von Zugehörigkeit nimmt Scham und entlastet.
- Neue Perspektiven: Feedback und Rückmeldungen aus der Gruppe öffnen neue Blickwinkel und regen zum Nachdenken an.
- Vorbildwirkung: Andere zeigen, wie Veränderung möglich ist, was Hoffnung und Orientierung gibt.
- Motivation: Feste Termine und gemeinsame Ziele fördern Verbindlichkeit und helfen, dranzubleiben.
- Kosten: Gruppensettings sind in der Regel günstiger als Einzelsitzungen. Die Gruppentherapie-Kosten werden oft von den Krankenkassen vergütet. Auch Gruppencoachings können je nach Angebot unterstützt werden.
Grenzen und Herausforderungen
So wertvoll das gemeinsame Arbeiten ist – nicht für alle passt das Gruppensetting gleich gut. Typische Herausforderungen sind:
- Hemmschwelle beim Reden
Manche Menschen tun sich schwer, persönliche Themen vor mehreren anderen zu teilen. - Weniger Individualität
Die Aufmerksamkeit der Leitung verteilt sich auf mehrere Personen, dadurch bleibt manchmal weniger Raum für sehr individuelle Anliegen. - Gruppendynamik
Konflikte, Dominanz einzelner Stimmen oder unausgesprochene Spannungen können belastend sein, wenn sie nicht gut begleitet werden. - Vertraulichkeit
Obwohl Schweigepflicht vereinbart wird, braucht es Vertrauen, dass alle Teilnehmenden respektvoll mit dem Gehörten umgehen. - Passung
Nicht jede Gruppe passt zu jeder Person. Thema, Alter oder Motivation sollten stimmig sein, sonst können Frust oder Rückzug entstehen.
Deshalb lohnt es sich, bei der Wahl der Gruppe genau hinzuschauen und der eigenen Erfahrung genügend Zeit zu lassen.
So läuft ein Gruppencoaching ab
Viele stellen sich eine Gruppe wie ein grosses «Ausziehen der Seele» vor – das schreckt ab. In Wirklichkeit gibt es klare Strukturen und Regeln:
- Die Gruppe besteht meist aus 6–10 Personen.
- Eine Therapeutin oder ein Coach leitet die Sitzungen.
- Am Anfang werden gemeinsame Regeln festgelegt (z. B. Schweigepflicht, respektvoller Umgang).
- Die Teilnehmenden bestimmen für sich selbst, wie viel sie teilen möchten.
Das schafft Sicherheit und Verbindlichkeit – und nimmt vielen die Angst vor dem ersten Termin.
Wann Gruppensettings sinnvoll sind
Gruppencoachings eignen sich besonders bei Themen wie Stressbewältigung, Resilienz, Ernährung, Bewegung oder Schlaf – aber auch bei Long Covid, in den Wechseljahren oder in der Elternschaft kann der Austausch mit anderen entlastend sein. Auch Jugendliche profitieren – besonders bei Themen wie Schule, Ängsten oder Selbstwert.
Gruppentherapie hingegen ist vor allem bei ernsthaften psychischen Problemenwie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen sinnvoll und wird von anerkannten Fachpersonen begleitet. Auch bei Essstörungen kann Gruppentherapie helfen, durch den Austausch über Erfahrungen und Strategien. Viele Gruppentherapien basieren auf Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie.
Wer sehr persönliche oder komplexe Themen bearbeiten möchte, findet im Einzelsetting den passenden Rahmen – oft ist auch eine Kombination aus Einzel- und Gruppensetting ideal.
Veränderung gelingt in der Gruppe leichter
Gruppencoaching ist kein «Notnagel» für alle, die keinen Einzelplatz bekommen. Es ist eine eigene, wirksame Form der Unterstützung im Alltag. Wer sich öffnet, profitiert von Gemeinschaft, Motivation und neuen Perspektiven – und darf erkennen: Veränderung gelingt leichter, wenn wir sie nicht allein tragen müssen. Die CSS bietet Gruppenkurse zu unterschiedlichen Alltagsthemen an.
Quellen
- McRoberts, C., Burlingame, G. M., & Hoag, M. J. (1998). Comparative efficacy of individual and group psychotherapy: A meta-analytic perspective. Group Dynamics, 2(2), 101–117.
- Burlingame, G. M., Fuhriman, A., & Mosier, J. (2003). The differential effectiveness of group psychotherapy: A meta-analytic perspective. Group Dynamics, 7(1), 3–12.
- Koemeda-Lutz, M. et al. (2006). Evaluation of the effectiveness of body psychotherapy in outpatient settings (EEBP) – A multi-centre study in Germany and Switzerland. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 57(6), 221–229.
- Grossert, A. et al. (2023). Group-based body psychotherapy improves appreciation of body awareness in post-treatment cancer patients. Frontiers in Psychology, 14, 10117640.