Blutdruckwerte: Auch zu tief kann schaden

Blutdruckwerte: Auch zu tief kann schaden

Blutdruckwerte pauschal zu senken, kann auch gefährlich werden, sagt Sven Streit vom Institut für Hausarztmedizin an der Universität Bern. Er plädiert dafür, Nutzen und Risiken abzuwägen, vor allem im hohen Alter.

Welche Blutdruckwerte gelten als behandlungsbedürftig?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass 140/90 mmHg eine kritische Grenze ist. Man sollte dann mit seinem Hausarzt, seiner Hausärztin abklären, ob es sich tatsächlich um Bluthochdruck handelt und wenn ja: Welche Zielwerte mit geänderter Lebensweise oder, wenn das nicht hilft, mit Medikamenten angestrebt werden sollten. Denn klar ist: Bei Bluthochdruck ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und deswegen auch die Sterblichkeit erhöht.

Dennoch sagen Sie, die Empfehlung «Je tiefer, desto besser» habe einen Haken. Warum?

Weil es auf die jeweilige Patientengruppe ankommt. Nach heutigem Kenntnisstand können Männer und Frauen bis zirka 80 Jahren durchaus davon profitieren, wenn ihre Werte auf 130 mmHg oder tiefer gesenkt werden, vorausgesetzt, sie tolerieren dies gut. Für hochbetagte und gebrechliche Menschen ist eine Senkung aber möglicherweise gefährlich und schädlich.

 

 

Systolisch

 

Diastolisch

 

Optimal 120 mmHg 80 mmHg
Normal 120 - 129 mmHg 80 - 84 mmHg
Hochnormal 130 - 139 mmHg 85 - 89 mmHg

Wie kommen Sie darauf?

In einer Beobachtungsstudie haben wir rund 600 über 85jährige Patienten fünf Jahre lang begleitet. Je stärker bei ihnen der Blutdruck mit Medikamenten gesenkt wurde, desto schlechter war ihre Gedächtnisleistung, auch die Sterblichkeit nahm bei gebrechlichen Menschen zu. Weitere Studien aus verschiedenen Ländern kamen zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen.

Was bedeuten diese Resultate für die Praxis?

Sie relativieren offizielle Richtlinien zu blutdrucksenkenden Mitteln, denn sie sind nur bedingt auf Menschen übertragbar, die älter sind als 80 Jahre – jene Bevölkerungsgruppe, die am schnellsten wächst und bei der sich ein breites Spektrum zeigt: von Pflegebedürftigen mit mehreren Krankheiten bis hin zu Fitten und Gesunden, die regelmässig Sport machen. Diese Bandbreite bilden die Richtlinien oft zu wenig ab.

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