Endometriose und Kinderwunsch: Kann man trotz Endometriose schwanger werden?
Die Diagnose Endometriose bedeutet nicht zwangsläufig Unfruchtbarkeit. Gynäkologe und Fachexperte Dr. med. Roland Braneti zeigt auf, wie sich die Krankheit auf Schwangerschaft und Geburt auswirken kann und welche Komplikationen allenfalls auftreten können.
Kurze Antworten auf häufige Fragen rund um die Endometriose
Der Begriff leitet sich von Endometrium ab, dem medizinischen Begriff für Gebärmutterschleimhaut. Die Krankheit verläuft chronisch und zeichnet sich durch eine krankhafte Wucherung der Gebärmutterschleimhaut aus. Diese siedelt sich ausserhalb der Gebärmutterhöhle an, führt zu Schmerzen und kann die Fruchtbarkeit reduzieren.
Nach dem persönlichen Gespräch erfolgt eine Tast- und Ultraschalluntersuchung. Weitere Abklärungen mittels Magnetresonanztomografie (MRI) oder Bauchspiegelung können je nach Fall in Erwägung gezogen werden.
Schwangerschaften können bei Endometriose auch ohne medizinische Hilfe, also ganz spontan, eintreten. Allerdings hängt der Erfolg von verschiedenen Faktoren ab wie etwa der Schwere der Erkrankung, dem Alter der Patientin und der Reserve an Eizellen.
Das kann vorkommen, ist aber nicht die Regel. Falls ja, handelt es sich um sogenannte «Schokoladenzysten».
Mögliche Symptome sind wiederkehrende, starke Menstruationsschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sowie Blasen- und Darmbeschwerden. Zudem können die Betroffenen Probleme haben, schwanger zu werden.
Wie beeinflusst eine Endometriose die Fruchtbarkeit?
Zuerst einmal: Endometriose bedeutet für die betroffenen Frauen nicht automatisch, dass sie unfruchtbar sind. Denn die Krankheit hat viele Erscheinungsformen. Ob sie die Fruchtbarkeit beeinflusst, hängt davon ab, welche Organe und in welchem Ausmass diese betroffen sind.
Wenn die Eileiter betroffen sind
Geht die Endometriose z.B. auf die Eileiter über, können diese verstopfen. In diesem Kanal treffen die Eizelle und die Spermien aufeinander, somit ist dies der Ort, wo die Befruchtung stattfindet. Danach nistet sich der Embryo in der Gebärmutter ein, und die Frau wird schwanger. Blockiert eine Endometriose die Eileiter, ist der Vorgang der Befruchtung erschwert oder kann gar nicht mehr stattfinden.
Endometriose in der Gebärmutter
Eine Sonderform dieser Krankheit ist die sogenannte «Adenomyose». Bei dieser Art liegt die Endometriose in der Gebärmutter selbst vor und führt dort zu einer Entzündungsreaktion. Diese wiederum kann das Einnisten eines Embryos stören und Fehlgeburten begünstigen.
Viele Frauen können trotz Endometriose spontan schwanger werden.
Wenn Schmerzen die Sexualität beeinflussen
Ein weiterer Aspekt betrifft die möglichen Auswirkungen der Endometriose auf die Sexualität. Sollte es aufgrund dieser Erkrankung zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr kommen, führt dies naturgemäss zu einer Einschränkung der Fruchtbarkeit.
Was passiert bei einer Endometriose im Körper?
Bei einer Endometriose siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut gleicht, auch ausserhalb der Gebärmutterhöhle an. Hauptsächlich betrifft dies den Beckenraum, kann sich jedoch in seltenen Fällen bis in die Lunge ausbreiten.
Warum Endometriose Schmerzen verursacht
Der normale Vorgang während eines Menstruationszyklus sieht wie folgt aus: Die Gebärmutterschleimhaut verdickt sich in der Gebärmutter und blutet später wieder ab. Die Endometrioseherde ausserhalb der Gebärmutter machen genau das Gleiche, nur kann das entstehende Blut nicht über die Vagina abgeleitet werden und verbleibt im Körper. Das führt zu einer Entzündungsreaktion und zu Schmerzen. Liegen solche Herde in der Nähe von Nerven, verstärkt dies die Schmerzen, die sogar chronisch werden können.
Welche Organe betroffen sein können
Sind die Eileiter betroffen, kann dies zu ihrem Verschluss und zur Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit führen. Auch können sich am Bauchfell kleine Endometrioseherde von einem Millimeter bis zu einigen Zentimetern Grösse bilden. Eine andere Form dieser Krankheit entwickelt Knoten, die in Blase oder Darm einwachsen, oder es findet sich Endometriose-Gewebe in tieferen muskulären Schichten der Gebärmutter.
Die möglichen Folgen einer Endometriose:
- Verwachsungen und Vernarbungen
- Entzündungen
- Schädigungen des Gewebes
- Verstopfung der Eileiter
- Zysten am Eierstock (Schokoladezysten)
- Teils heftige Schmerzen
- Eingeschränkte Fruchtbarkeit bis hin zu Unfruchtbarkeit
Eine Schwangerschaft trotz Endometriose ist möglich
Trotz der möglichen Auswirkungen bedeutet Endometriose nicht automatisch, dass betroffene Frauen unfruchtbar sind. Viele können trotz Endometriose sogar spontan und ohne medizinische Massnahmen schwanger werden. Entscheidend ist die Ausprägung und vor allem die Lokalisation der Endometriose.
Eine individuelle Abklärung ist deshalb zentral. Die Gynäkologin oder der Gynäkologe wird die Patientin genau untersuchen und ihr dann die Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen. Doch selbst wenn eine Frau infolge einer Endometriose nicht auf natürlichem Weg schwanger werden kann, steht ihr mit der In-Vitro-Fertilisation (IVF) eine recht erfolgversprechende Therapie offen. Dabei findet die Befruchtung ausserhalb des weiblichen Körpers statt. Dank moderner Methoden steigen die Erfolgschancen kontinuierlich.
Auch bei einer Endometriose ist eine Früherkennung zentral.
Welche Faktoren beeinflussen die Chancen, schwanger zu werden?
Grundsätzlich gilt: Je früher eine Endometriose erkannt und behandelt wird, desto weniger Schaden kann sie anrichten. Denn ob ein Kinderwunsch realistisch ist, hängt unmittelbar vom Stadium der Endometriose ab. Lässt sich die Erkrankung mit Medikamenten bremsen oder lassen sich mittels einer Endometriose-Operation die Herde entfernen, schafft dies recht gute Voraussetzungen für eine Schwangerschaft. Sind jedoch die Eileiter bereits verstopft, sinken die Chancen.
Auch bereits gemachte Anstrengungen fliessen in die gynäkologische Beurteilung ein:
- Hat die Betroffene schon Therapieversuche hinter sich, um schwanger zu werden?
- Welche Erfahrungen hat sie gemacht?
- Und sind allenfalls Nebenwirkungen aufgetreten?
Der Anti-Müller-Hormonwert
Wichtige Hinweise liefert zudem der Anti-Müller-Hormonwert. Er zeigt auf, wie gross die Reserve an Eizellen ist. Dieser Wert ist bei jeder Kinderwunschtherapie wichtig, unabhängig davon, ob eine Insemination oder eine künstliche Befruchtung wie etwa die In-Vitro-Fertilisation (IVF) durchgeführt wird. Auch hilft der Wert den Ärztinnen und Ärzten, damit sie die Wahrscheinlichkeit eines spontanen Schwangerschaftseintritts besser abschätzen können.
Wie verläuft eine Schwangerschaft von Endometriose-Patientinnen?
Grundsätzlich unterscheidet sich der Schwangerschaftsverlauf nicht von jenem einer Frau, die nicht unter dieser Krankheit leidet. Aufgrund der hormonellen Umstellung während der Schwangerschaft wird oft beobachtet, dass die Beschwerden einer Endometriose nach einer Schwangerschaft nachlassen. Das heisst aber nicht, dass die Krankheit bzw. die durch sie verursachten Beschwerden danach automatisch verschwinden.
Allerdings sind die Betroffenen oft mental stärker gefordert, vor allem, wenn sie bereits mehrere erfolglose Versuche, schwanger zu werden, hinter sich haben. Neben ihrem medizinischen Wissen verfügen die Ärztinnen und Ärzte auch über das nötige Einfühlungsvermögen und sind somit eine zentrale Stütze in dieser von Unsicherheiten geprägten Zeit.
Welche Risiken bei einer Schwangerschaft bestehen, hängt stark von der Ausprägung und Form der Endometriose ab.
Welche Risiken bestehen bei einer Schwangerschaft mit Endometriose?
Frauen mit Endometriose sind mit ihren Sorgen und Sicherheiten nicht allein. Auch bei gesunden Frauen sind Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt möglich. Wie hoch die Risiken sind, hängt bei Endometriose-Patientinnen stark von der Ausprägung und Form der Krankheit ab. So etwa häufen sich bei starken Verwachsungen Eileiterschwangerschaften. Da der Embryo aufgrund der eingeschränkten Funktion des Eileiters nicht in die Gebärmutter gelangen kann, nistet er sich im Eileiter ein, wo er sich nicht weiterentwickeln kann. Dies führt zu Komplikationen und muss mit Medikamenten oder operativ behandelt werden.
Liegt eine Adenomyose vor, kann es vermehrt zu Fehlgeburten kommen. Bei dieser Form findet sich Schleimhaut, die die Gebärmutter auskleidet, fälschlicherweise in der glatten Muskulatur der Gebärmutterwand, was zu Symptomen wie etwa Schmerzen führen kann. Auch eine sogenannte «Plazenta praevia» ist bei dieser Art der Endometriose etwas häufiger vorzufinden. Dabei wächst der Mutterkuchen in der Gebärmutter über den Geburtskanal. Ist dieser gänzlich blockiert, kann die Geburt nur über einen Kaiserschnitt erfolgen. Seltener sind folgende Komplikationen: das Aufbrechen von Zysten am Eierstock, eine Verdrehung der Eierstöcke oder ein Riss in der Gebärmutter.
Wie wirkt sich eine Endometriose auf die Geburt aus?
Ein verstärkter Blutverlust ist möglich. Sollte eine sehr ausgeprägte Endometriose mit vielen Verwachsungen vorliegen, kann die Durchführung eines Kaiserschnitts erschwert sein. Es ist jedoch wichtig, nicht zu verallgemeinern. Wie bereits erwähnt, hat diese Krankheit viele Ausprägungen, weshalb Betroffene nicht automatisch mit einer risikoreichen Geburt rechnen müssen.
Häufig kann bereits mit dem Ultraschall eine zuverlässige Endometriose-Diagnose erfolgen. Manchmal ist doch noch eine MRI-Untersuchung notwendig, seltener auch eine Operation.
Kinderwunsch und Endometriose: Welche Abklärungen sind angezeigt?
Die üblichen Routineabklärungen umfassen eine Hormonanalyse und eine gynäkologische Ultraschalluntersuchung. Sie zeigt z.B., ob Zysten am Eierstock vorliegen. Überdies ist es zentral, dass die Gynäkologin oder der Gynäkologe testet, ob die Eileiter offen oder verstopft sind. Eileiter sind sehr dünne Organe, weshalb der Ultraschall diese unter normalen Umständen nicht abbilden kann. Um diese darzustellen, wird ein Kontrastmittel in die Gebärmutter eingeführt. Im Ultraschall wird nun sichtbar, ob das Kontrastmittel über die Eileiter abfliesst und diese somit durchgängig sind oder nicht.
Bauchspiegelung bei Endometriose
Oft wird die Frage gestellt: Wann kommt eine Bauchspiegelung bei Endometriose zum Einsatz? Dieser minimalinvasive Eingriff wird dann vorgenommen, wenn sehr starke Beschwerden bestehen oder Unsicherheiten zum Zustand der Eileiter vorliegen. Die Bauchspiegelung ist nicht nur ein weiteres Mittel zur Diagnose, zugleich lassen sich auch die Endometriose-Herde entfernen.
Wie kann die Medizin bei der Befruchtung nachhelfen?
Solange die Eileiter offen sind und die Ergebnisse der weiteren Abklärungen (auch beim Partner) es zulassen, kann eine sogenannte intrauterine Insemination (IUI) erfolgen. Bei dieser Technik wird mittels einer Spritze der Eisprung ausgelöst und anschliessend eine zuvor aufbereitete Spermaprobe direkt in die Gebärmutter eingebracht.
Die Medizin unterscheidet zwischen Insemination und künstlicher Befruchtung. Letztere kennt 2 Formen:
- die In-Vitro-Fertilisation (IVF) und
- die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI).
Sind die Eileiter verstopft, wird eine IVF oder ICSI angewendet.
Um zu entscheiden, ob eine Endometriose-Operation sinnvoll ist, muss jeder Fall einzeln beurteilt werden.
Wann ist eine Endometriose-Operation bei Kinderwunsch angezeigt?
Um zu entscheiden, ob ein operativer Eingriff sinnvoll ist, bedarf es einer individuellen Abklärung der Patientin. Meistens ist eine Operation dann sinnvoll, wenn die Symptome sehr ausgeprägt sind und medikamentöse Therapien keinen oder zu wenig Erfolg gebracht haben. Sind die Eileiter aufgrund von Verwachsungen in ihrer Funktionsweise eingeschränkt, kann mit einer Endometriose-Operation versucht werden, diese Verwachsungen zu lösen.
Hormonelle Behandlungsmethoden
Es gibt verschiedene hormonelle Therapien, wobei in erster Linie unterschieden werden muss, ob bei der Patientin ein Kinderwunsch besteht oder nicht. Möchte die Betroffene nicht schwanger werden, hat sie folgende Möglichkeiten: ein spezielles Medikament gegen Endometriose, die Antibabypille oder eine Hormonspirale. Ganz wichtig ist, mögliche Risiken abzuklären, die gegen eine hormonelle Therapie sprechen.
Bei der Kinderwunschbehandlung kann die Therapie mit sogenannten Gelbkörperhormonen erfolgen. Diese können dazu beitragen, die durch eine Endometriose bedingten Entzündungsprozesses zu reduzieren.
Endometriose und Reproduktionsmedizin
Die Medizin hat grosse Fortschritte gemacht, um den Kinderwunsch von Endometriose-Patientinnen zu erfüllen. Damit diese Frauen schwanger werden können, stehen ihnen mehrere Wege offen: eine medikamentöse Behandlung, eine Endometriose-Operation zur Entfernung der Herde oder eine künstliche Befruchtung. Je nach Art und Ausprägung der Krankheit kann die Ärztin oder der Arzt auch eine kombinierte Therapie ins Auge fassen. Damit werden gute Voraussetzungen geschaffen, und in vielen Fällen können die Betroffenen sogar spontan schwanger werden.